Wir hatten das beste Ostergeschenk!

Hallo,

ich hoffe, dass meine Leserschaft trotz der virusbedingten Einschränkungen in Deutschland eine schöne Osterzeit verbracht hat. Hierzulande ist Ostern zwar überhaupt kein Thema, doch es gab dennoch viel Grund zu feiern. Am Samstagmorgen durften wir offiziell das Hotelzimmer verlassen und konnten endlich wieder zurück in unsere Wohnung, die wir seit dem 18. Januar nicht mehr betreten hatten. Bis zuletzt befürchtete ich, dass sich wieder irgendjemand meldet und unsere Heimkehr verhindert. Zu unserem großen Glück ist das nicht geschehen, so dass Haojing und ich tatsächlich wieder zu Hause sind.

Obwohl das Hotel höchstens einen Kilometer entfernt lag, gestaltete sich der Umzug weniger einfach als gedacht. Bereits in Chibi hatten wir viel Zeug eingeladen. Darüber hinaus bekamen wir in den vergangenen zwei Wochen mehrfach weitere Gegenstände aus unserer Wohnung in unser Hotelzimmer vorbeigebracht. Ebenfalls nicht vergessen sollte man die zahlreichen Online-Bestellungen, die wir direkt zu uns liefern gelassen hatten. Es kam dementsprechend eine große Menge zusammen, die wir aus dem dritten Stockwerk in das Auto und anschließend vom Auto in das zweite Stockwerk transportieren mussten.

Glücklicherweise reichte eine Fahrt aus. Der VW Tiguan war allerdings absolut vollgestopft – in einem etwas kleineren Auto hätte das nicht funktioniert. Am Ende überwog nichtsdestotrotz die Freude über unsere Rückkehr. Die Räumlichkeiten sahen noch genauso sauber und aufgeräumt aus wie wir sie verlassen hatten. Das wunderte mich ein wenig, da wir vier- oder fünfmal jemanden darum gebeten hatten, uns etwas zuzuschicken respektive vorbeizubringen. Sogar eine Topfpflanze hat unsere fast dreimonatige Abwesenheit überlebt. Das Gefühl, endlich wieder zu Hause zu sein, war im ersten Moment irgendwie unwirklich.

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Man sollte bedenken, dass das Jahr 2020 bereits viereinhalb Monate alt ist und wir bis zum letzten Samstag gerade einmal neun Tage in unserer Wohnung verbringen konnten. Zunächst stellten wir die Dinge, die uns während der Quarantäne treu zur Seite standen, an die richtigen Stellen. Wir genossen die Zeit so sehr, dass wir vollkommen vergaßen, nach draußen zu gehen. Es gab viel zu viel zu tun. Vor allem hatte ich die Nutzung eines anständigen Computers vermisst, der über eine Maus, eine Tastatur und einen Bildschirm verfügt. Ich verzichtete außerdem darauf, in das Tischtennistraining zu gehen, weil ich einfach lieber drinnen sein wollte.

Das Tischtennisspielen holte ich schließlich am Sonntag und am Montag nach. Mit meinem selbstgeklebten Schläger komme ich besser parat als je zuvor. Ich habe das Gefühl, viel mehr Kontrolle zu haben. Möglicherweise hafteten die Beläge vorher einfach nicht anständig, weswegen sie sich später von alleine ablösten. Überdies gehe ich inzwischen wieder täglich spazieren. Ich bin zwar noch nicht topmotiviert, aber eine große Runde (ca. 7.000 Schritte) schaffe ich mit Leichtigkeit. Da in Europa wieder Sommerzeit ist, haben sich meine Arbeitszeiten auf 14 bis 19 Uhr – also um eine Stunde nach vorne verschoben – geändert.

In Dayouzhen ist das öffentliche Leben fast vollkommen normal. Geschätzt ein Drittel der Personen, denen ich unterwegs begegne, trägt Atemschutzmasken. An dieser Stelle sollte man berücksichtigen, dass die Chinesen generell eine andere Maskenkultur haben als wir Deutschen. Selbst ohne Viruserkrankung laufen einige Menschen – gerade junge Frauen – mit solchen Masken herum. Das tun sie, weil sie sich vor Sonnenbräune schützen wollen. In China ist es das Schönheitsideal, möglichst weiß zu sein. Deswegen hellen Chinesinnen ihre Haut beim Schminken in der Regel auf. Meine liebe Frau stellt hier keine Ausnahme dar.

Liebe Grüße,

Benjamin

Noch eine Woche durchhalten!

Hallo,

seit Montag sitzen Haojing und meine Wenigkeit im Zimmer eines Hotels fest, das höchstens einen Kilometer von unserer Wohnung in Dayouzhen entfernt liegt. Dabei ist „Festsitzen“ eigentlich nicht der richtige Begriff, um unsere gegenwärtige Situation adäquat zu beschreiben. Im Gegensatz zu unserer zweitägigen Unterbringung in Xiangshui ist unser Raum nämlich nicht von außen abgeschlossen. Theoretisch können wir also jederzeit ins Freie gehen und Sonne tanken. In der Praxis halten wir uns jedoch (meistens) an die uns auferlegten Restriktionen. Wenn wir etwas geliefert bekommen, gehen wir aber an die Straße, um es entgegenzunehmen.

Dazu muss man wissen, dass sich unser Zimmer im dritten Stockwerk befindet und dass die Hoteleingangstür auf der Rückseite des Gebäudes liegt. Außerdem ist der Komfort eines Hotels in Dayouzhen nicht mit westlichen Standards vergleichbar. Wir werden dementsprechend nicht vom Personal bewirtet. Frische Handtücher bekommen wir nur auf Anfrage. Uns bleibt also gar nichts Anderes übrig, als uns Lebensmittel liefern zu lassen. Sofern wir uns etwas fertig Zubereitetes bestellen, übernimmt das entsprechende Restaurant die Lieferung. Allerdings mögen wir beide selbstgekochtes Essen lieber und möchten nicht vollständig darauf verzichten.

Eine Bekannte, bei der wir uns nach Ablauf unserer Isolation gebührend bedanken werden, hat uns bereits mehrfach nützliches Equipment aus unserer Wohnung vorbeigebracht. Hierzu zählen neben meiner heißgeliebten Kaffeemaschine unter anderem eine Elektropfanne und ein Reiskocher. Wir sind also rudimentär dazu in der Lage, unser eigenes Essen zuzubereiten. Natürlich übernimmt unsere Bekannte auch die täglichen Einkäufe. Wir brauchen zwar nicht besonders viel, doch letzten Endes können wir uns unheimlich glücklich schätzen, derartige Hilfe zu erhalten. Beim Selberkochen fällt leider jede Menge Abwasch an.

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In unserer Beziehung ist das mein Spezialgebiet. Die momentane Situation gestaltet das Spülen allerdings weniger einfach als sonst, weil mir nur ein einfaches (aber großes)  Handwaschbecken zur Verfügung steht. Ich säubere das Geschirr also jeden Tag mit einem Stück Kernseife und meinen bloßen Händen. Das ist eigentlich gar nicht so unangenehm. Sehr überrascht bin ich von der Reinigungskraft der stinknormalen Seife. Selbst steinalte Tee- und Kaffeeverfärbungen, die ich mit handelsüblichem Spülmittel trotz großem Aufwand niemals herausbekommen hätte, konnten mit Kernseife und Fingern beim ersten Versuch restlos entfernt werden.

Das Wäschewaschen ist ebenfalls eine Herausforderung. Diesen Teil der Hausarbeit erledigen wir im selbigen Waschbecken. Hierfür befüllen wir es mit heißem Leitungswasser, geben Shampoo oder Duschgel hinzu und weichen die getragene Kleidung für ein paar Stunden ein. Danach wird das Schmutzwasser abgelassen, um die Wäsche schließlich unter sauberem Wasser mehrere Male durchzukneten und auszuwringen. Im Anschluss legen wir unsere Klamotten über einen in der Dusche platzierten Stuhl. Später – wenn die Wäsche nicht mehr tropfnass ist – hängen wir sie an die Garderobe, um sie vollständig trocknen zu lassen.

Aus meiner Sicht waren die ersten fünf Tage in Ordnung. Echte Langeweile kam noch nicht auf. Das Hotelzimmer verfügt glücklicherweise über relativ viel Bodenfläche, weswegen man auch einige Schritte gehen kann. Trotz der größeren Einschränkungen gefällt es mir hier wesentlich besser als in der Wohnung meiner Schwiegereltern. Es ist nicht ganz so luxusfremd und ich habe – wenn man Haojing ausklammert – endlich wieder so etwas wie Privatsphäre und Ruhe. Sogar meinen Tischtennisschläger, dessen Beläge sich gelöst hatten, konnte ich reparieren, da meine hervorragende Frau das Paket mit dem Kleber direkt zum Hotel versenden ließ.

Liebe Grüße,

Benjamin

Wir sind zu Hause – aber noch nicht in der Wohnung!

Hallo,

glücklicherweise konnte unsere Rückreise problemlos stattfinden. Es kam nichts dazwischen. Eigentlich bin ich sogar überrascht, wie perfekt die lange Fahrt verlaufen ist und dass wir keinerlei Hürden überwinden mussten. Auf der gesamten Strecke von etwa 1.000 Kilometern trafen wir nicht auf einen einzigen Checkpoint. Selbst die Autobahneinfahrten waren geöffnet. Aktuell kostet die Nutzung der Autobahnen – wie sonst üblich – nicht einmal Maut. Wir kamen auch relativ gut durch. Man kann eigentlich nicht sagen, dass wenig Verkehr auf den Straßen herrschte, doch wir standen nur ein einziges Mal für gut 20 Minuten im Stau.

Haojing und ich wechselten uns selbstverständlich mit der Fahrerei ab. Sie fuhr die ersten drei Stunden, danach absolvierte ich meine Schicht. Die erste Hälfte der langen Autobahnreise verlief wie im Eilzugtempo. Erst als meine Frau ein zweites Mal ans Steuer musste, fing sich die Zeit langsam an, zu ziehen. Dennoch kam mir die jüngste Reise von Hubei nach Jiangsu wesentlich kurzweiliger vor als die Vergangenen. Man gewöhnt sich wohl an alles. Wir fuhren um sieben Uhr morgens los und kamen gegen 19:30 Uhr in Xiangshui an. Von dort aus hätten wir noch etwa 40 Minuten Fahrtzeit bis zu unserer Wohnung in Dayouzhen gehabt.

Xiangshui ist die Hauptstadt des gleichnamigen Kreises, in dem unser Heimatort liegt. In China sind die Kreise meistens nach ihrer Hauptstadt benannt. Zur Bevölkerung der Hauptstädte gehören immer auch die Einwohner des gesamten Kreises. Auf dem Papier haben chinesische Städte deshalb oftmals sehr viele Einwohner, obwohl die eigentlichen Stadtgebiete in Wirklichkeit überschaubar sind. So kommt es, dass Xiangshui offiziell über eine halbe Million Einwohner zählt, wobei die Stadt wohl kaum mehr als 200.000 Seelen beherbergt. Jedenfalls mussten wir (nach einer kleinen Odyssee) zunächst ein ortsansässiges Krankenhaus ansteuern.

Dort hatten zwei von Haojings Arbeitskollegen unsere Ankunft bereits angekündigt. Einer von ihnen hatte sogar meinen Reisepass vom hiesigen Amt abgeholt, weswegen ich diesen endlich wieder an mir habe. Als Erstes wurde uns Blut abgenommen. Danach ging es für uns in die Radiologie, wo ein Brustkorb-CT durchgeführt wurde. Darauf hatte ich eigentlich überhaupt keine Lust, aber leider gab es keine Alternative. Eine halbe Stunde später bekamen wir Bescheid, dass beide Ergebnisse negativ ausfielen – es konnten also keine Spuren einer Covid-19-Infektion entdeckt werden. Natürlich waren diese Tests noch nicht ausreichend.

Für uns ging es nur ein paar hundert Meter weiter in ein speziell hergerichtetes Hotel. Dort wurden wir vom komplett vermummten Pflegepersonal in unser Zimmer gebracht, wo wir die nächsten beiden Nächte verbringen sollten. Wir konnten die Tür nicht von innen öffnen, waren also tatsächlich eingesperrt. Dreimal am Tag bekamen wir Essen. Ebenso oft wurde unsere Körpertemperatur gemessen. Am Sonntagvormittag wurde an Haojing und mir jeweils ein PCR-Virustest durchgeführt, deren Ergebnisse wir am Abend erhielten. Da diese ebenfalls negativ ausfielen, wurde unsere Abreise für den darauffolgenden Montag bewilligt.

Eigentlich waren nun sämtliche Hürden überwunden, die das chinesische Gesetz vorsieht. In unserem Heimatort sieht man das scheinbar anders. Die Verantwortlichen haben große Angst, dass wir trotzdem infiziert sein könnten, weswegen wir noch nicht in unsere Wohnung dürfen. Wir fuhren heute zwar nach Dayouzhen, doch wir mussten erneut in ein Hotel einchecken, wo wir noch bis zum 11. April ausharren müssen. Erst dann können wir zurück nach Hause. Es ist nun jedoch ein Leichtes, uns Gegenstände aus der Wohnung vorbeibringen zu lassen. Im Fokus stehen vor allem Kaffeemaschine, Omega-3-Fischöl, Vitamin D und Waage.

Liebe Grüße,

Benjamin

Morgen fahren wir nach Hause!

Hallo,

Wie die Überschrift bereits verrät, werden wir am morgigen Samstag endlich nach Hause fahren. Zwar halte ich es nicht für unmöglich, dass den chinesischen Behörden wieder irgendein Grund einfällt, uns die Ausreise beziehungsweise Einreise im letzten Moment zu verweigern, doch mit hoher Wahrscheinlichkeit wird diesmal nichts dazwischenkommen. Gestern war die Situation noch anders: Auf einmal war von einer neuen Bestimmung die Rede, dass man nur mit negativem Virustestergebnis ausreisen dürfe und dass man nach Anmeldung ein paar Tage auf diesen Test warten müsse. Ich war ziemlich fertig mit den Nerven.

Ich weiß nicht warum, aber diese Bestimmung wurde kurzerhand wieder aufgehoben. Möglicherweise hatten sich zu viele Menschen für einen solchen Test angemeldet. Wenn zwischen jetzt (Freitag, 14:00 Uhr) und morgen früh um 7:00 Uhr keine großartigen Änderungen anstehen, sind wir auf und davon. Unsere Einreisegenehmigung gilt nur für den 28. März, weswegen wir die gesamte Strecke an einem Tag bewältigen müssen. Wenn wir ohne längere Pause oder Stau durchkommen, beträgt die Fahrtdauer voraussichtlich zwölf Stunden. Erfahrungsgemäß verlängert sich dieser Idealwert um ein bis zwei Stunden.

Da einige Leser verwirrt sind, weil ich immer wieder eine andere Region nenne, wenn ich von unserer Heimat spreche, vergleiche ich China im folgenden Beispiel mit Europa. Wenn China Europa ist, dann ist Jiangsu Deutschland, Yancheng Rheinland-Pfalz, Xiangshui die Eifel und Dayouzhen Wolsfeld. Die Größenverhältnisse sind übertragbar. Momentan sind wir in Hubei, einer anderen chinesischen Provinz. In meinem Beispiel könnte hierfür Spanien herhalten. China ist derart groß, dass man es nicht mit einem europäischen Staat vergleichen kann, sondern eher mit der Europäischen Union – natürlich hinkt dieser Vergleich dennoch.

Seit Wochen genesen in China täglich mehr Menschen als neue Infizierte dazukommen. Aktuell sind nur noch knapp 3.500 Personen an Covid-19 erkrankt. Die meisten Neuinfektionen fallen auf Shanghai und Peking. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um chinesische Landsleute, die aus dem Ausland nach China flüchten, weil die Situation hierzulande wieder relativ sicher ist. Ansteckungen innerhalb der Landesgrenzen sind inzwischen äußerst selten und kommen nur alle paar Tage vereinzelnd vor. Die drastischen Maßnahmen der Chinesen scheinen wirkungsvoller zu sein als die halbgaren Eindämmungsversuche der Europäer.

Natürlich bin ich ein Leidtragender dieser drastischen Maßnahmen, doch wenn mein Leben letztendlich nur zwei Monate stark eingeschränkt war, kann ich damit retrospektiv durchaus zufrieden sein. Im heutigen Beitrag schreibe ich recht wenig über meinen Alltag, weil es schlicht und ergreifend kaum etwas zu berichten gibt. Gestern war irgendein besonderer Tag, weswegen Haojing eine ziemlich leckere Pampe aus Schalentieren zubereitet hat. Die Tierchen werden lebendig gekauft. Dann wird ihnen einfach der Kopf abgerissen. Die Innereien werden entnommen, in einer Schale gesammelt und mit verschiedenen Gewürzen verfeinert.

Während der Woche habe ich wieder mehrfach Tischtennis mit meinen neuen Mannschaftskollegen gespielt. Leider haben sich meine Beläge Tag für Tag ein bisschen mehr vom Holz gelöst. Das könnte damit zusammenhängen, dass ich bei diesem Holz die Schlagflächen versiegeln lassen habe. Das erhöht die Lebensdauer des Holzes, verschlechtert aber wohl die Haftung der Beläge. Dass ich meinen Schläger mit Wasser und Seife reinigen musste, wirkte ich an dieser Stelle sicherlich ebenfalls negativ aus. Selbstverständlich wurden mir direkt neue Beläge und ein neues Holz empfohlen. Zunächst möchte ich meinen Schläger aber reparieren.

Liebe Grüße,

Benjamin

Es herrscht fast wieder Alltag!

Hallo,

selbstverständlich konnten wir am vergangenen Wochenende noch nicht zurück nach Hause fahren. Mir war bereits im Vorfeld klar, dass es sich beim zuletzt genannten Datum (20. März) nur um eine haltlose Angabe handelte. Hierzulande ändert sich jegliche Absicht derart schnell, dass man sich eigentlich auf nichts wirklich verlassen kann. Immerhin kümmert sich Haojings Arbeitgeber inzwischen darum, dass uns die Einreise in unsere Heimatprovinz Jiangsu genehmigt wird. Bislang hielt dieser es nicht für nötig, da meine Frau als Dolmetscherin tätig ist und aktuell keine Deutschen vor Ort sind, die sie betreuen könnte.

Glücklicherweise bekam die chinesische Seite nun ein wenig Druck von der deutschen Seite. Haojings direkter Vorgesetzter, der zurzeit in Europa festsitzt, hat die Farm darum gebeten, alles Nötige dafür zu tun, damit wir einreisen dürfen. Falls der Antrag rechtzeitig genehmigt wird, der heute offiziell in Yancheng eingereicht wurde, fahren wir am kommenden Wochenende zurück. Leider müssen wir zunächst in Quarantäne – und zwar nicht in unserer Wohnung. Möglicherweise bekommen wir hierfür ein Hotelzimmer in Yancheng. Mein Schwiegervater verbrachte auch die ersten Tage in Shenzhen in einem Hotelzimmer.

Dort musste er jedoch keine vollen zwei Woche verweilen. Nach einem negativen Coronavirus-Test durfte er zurück in seine kleine WG, wo er die meiste Zeit des Jahres in ärmlichen Verhältnissen lebt. Deshalb habe ich die vage Hoffnung, dass wir ebenfalls nur ein paar Tage – und keine zwei Wochen – in Quarantäne verbringen müssen. An dieser Stelle bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten. Da die Post in China wieder vollkommen normal arbeitet, können wir uns nun glücklicherweise auch andere Dinge aus unserer Wohnung zuschicken lassen. Hierzu zählen vor allem ein paar Nahrungsergänzungsmittel, die uns ausgegangen sind.

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Eventuell können wir uns sogar meinen Reisepass, der seit Mitte Januar in der Ausländerbehörde in Xiangshui liegt, zusenden lassen. Das formlose Papier, das bestätigt, dass sich mein Reisepass aktuell bei einer Behörde befindet und ich mich hier völlig legal aufhalte, ist im Chaos der letzten Wochen irgendwie verloren gegangen. Ich würde mich definitiv wohler fühlen, wenn ich außer meines chinesischen Führerscheins ein weiteres offizielles Dokument an mir hätte. Hier vertraue ich allerdings voll und ganz auf die Künste meiner Frau. Haojing hat bislang alles Behördliche geregelt, was mit Sicherheit nicht immer einfach war.

In der letzten Woche ist eigentlich nicht viel passiert. Ich war jeden Tag um neun Uhr morgens für zwei Stunden Tischtennis spielen. Das hatte ich echt vermisst. Obwohl China die besten Tischtennisspieler der Welt hervorbringt, bin ich hier mit meinem Erste-Kreisklasse-Niveau einer der Stärksten. Die echten Top-Spieler sind wohl auch hierzulande rar. Am Samstag haben Haojing und ich mit einigen Familienmitgliedern eine Bergwanderung gemacht. Etwa die Hälfte der Gruppe hat es bis zum 750 Meter hohen Gipfel geschafft. Das Gefühl war toll. Der Abstieg war allerdings anspruchsvoller als der Aufstieg. Einmal bin ich unangenehm gestürzt.

Es war zwar laut und alle haben sich erschreckt, doch mir ist nichts passiert. Im Anschluss gab es ein köstliches Abendessen und wiedermal jede Menge Schnaps. Ich trank etwas zu viel und war den Rest des Tages zu nichts mehr zu gebrauchen, aber immerhin habe ich mich unter den Onkeln beliebt gemacht. Mein Chinesisch ist viel besser, wenn ich betrunken bin. Das öffentliche Leben in Chibi ist übrigens wieder ganz normal. Jedoch tragen die Leute immer noch Atemschutzmasken. In China kommt es nach wie vor zu einigen Neuinfektionen, doch das verteilt sich auf das ganze Land und tritt nicht mehr gehäuft in Hubei auf.

Liebe Grüße,

Benjamin

Mein Schwiegervater durfte ausreisen!

Hallo,

beim Verfassen meines letzten Beitrags war ich relativ schlecht gelaunt. Meine Stimmung ist zwar nach wie vor nicht besonders heiter, doch habe ich mich mit den jüngsten Rückschlägen mehr oder weniger abgefunden und ich hoffe, dass wir am 20. März endlich die Einreiseerlaubnis erhalten. Am heutigen Montag hat uns mein Schwiegervater in Richtung Shenzhen verlassen, wo er einen Großteil des Jahres lebt und arbeitet. In der kleinen, ärmlichen Wohnung herrscht nun also etwas weniger Gedränge, wobei mein Schwiegervater wirklich nicht im Geringsten zu der Art Mensch gehört, die einem früher oder später auf die Nerven geht.

Obwohl das Coronavirus im ehemaligen Hotspot kaum noch existent ist, laufen die Leute draußen immer noch mit Atemschutzmasken herum. In der gesamten Provinz Hubei, dessen Hauptstadt Wuhan ist, gab es am gestrigen Sonntag sage und schreibe vier bestätigte Neuinfektionen. In China ist eine Ansteckung längst nicht mehr wahrscheinlich. Das Problem haben jetzt vor allem die Europäer an der Backe. Ich dachte eigentlich, meine Landsleute verhielten sich von Natur aus vernünftiger als die Chinesen und eine Epidemie würde im Keim erstickt werden. Doch das scheint nicht der Fall zu sein – eher im Gegenteil.

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Ich möchte nochmals alle Leser meines Blogs dazu aufruhen, Ruhe zu bewahren und sich vernünftig zu verhalten. Natürlich sollte man nicht in Panik verfallen, was aber nicht heißt, dass man unnötige Risiken eingehen sollte. Es ist überhaupt nicht schlimm, ein paar Wochen in der eigenen Wohnung zu verbringen. Es ist einfach nur arschlangweilig. Selbstverständlich müssen Risikopatienten besonders aufpassen. Hier sollten Angehörige unterstützend zur Seite stehen. Bei uns wurde sich ebenfalls gegenseitig unter die Arme gegriffen, wo es nur ging. Deshalb musste niemand hungern und wir können bald zur Normalität zurückkehren.

Letzten Freitag haben wir uns mit Haojings Freundin Yuan getroffen. Gemeinsam wanderten wir durch die mit endlosen Bambuswäldern bewachsene Berglandschaft außerhalb von Chibi. Die Gegend ist wunderschön. Die Natur ist noch zu großen Teilen unberührt – zumindest von moderner Technik und Verschmutzung. Gegen Ende picknickten wir noch auf ein paar Felsen in einem kleinen Gebirgsbach. Im klaren Wasser sind kleine Fische, Frösche und diverse Schalentiere zu Hause. Das Wasser war derart rein und erfrischend, dass ich gleich mehrere Liter getrunken habe. Die beiden Chinesinnen natürlich nicht. Es war schließlich kalt.

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Am darauffolgenden Samstag fuhr die ganze Familie in das kleine Bergdorf, in dem Haojing aufgewachsen ist und wo wir unser neues Haus aufbauen. Wir besuchten zunächst eine befreundete Familie. Wir aßen zusammen. Im Anschluss fuhr ich mit Haojings Bruder zu einem seiner Freunde in ein benachbartes Dorf. Dort spielten wir zu dritt Basketball. Es war sehr wohltuend, sich ein bisschen zu bewegen, obwohl ich eigentlich kein allzu großer Basketballfan bin. Im weiteren Verlauf des Tages besichtigten wir unsere Baustelle und drehten eine kleine Runde durch das Dorf. Darüber hinaus sammelten wir noch ein paar flache Steine aus dem Bach.

Letzte Woche haben wir eine Bekannte aus Dayouzhen darum gebeten, in unsere Wohnung zu gehen und uns einige Dinge per Post nach Chibi zu schicken. Leider durften es nur ein paar Kleidungsstücke sein. Glücklicherweise war es außerdem möglich, meinen Tischtennisschläger zu versenden. Seit dem zurückliegenden Wochenende kann ich also endlich wieder Tischtennis spielen. Wir mussten allerdings zunächst einen Verein suchen, was meine Frau selbstredend schnell geschafft hat. Die Stärke der hiesigen Spieler erscheint allerdings noch geringer als in Dayouzhen. In Deutschland muss das Niveau also schon ganz schön hoch sein.

Liebe Grüße,

Benjamin

Ich muss Dampf ablassen!

Hallo,

seit meinem letzten Beitrag ist bei uns in der Quarantänezone wieder ziemlich viel passiert. Neben einigen schönen Erlebnissen gibt es auch zahlreiche negative Dinge zu berichten. Mein altes Problem, das mich während meines Lebens in China schon so oft plagte, hat sich wiedermal mit Bravour zurückgemeldet. Wer in der Vergangenheit regelmäßig meine Beiträge gelesen hat, sollte wissen, dass ich mich nicht am politischen System störe, da dieses kaum einen Einfluss auf den Alltag hat. Es sind die Leute, beziehungsweise deren Mentalität, mit der ich nicht zurechtkomme. Aus diesem Grund werde ich gewiss nicht dauerhaft in China leben können.

Diesmal ist mir jedoch bewusst geworden, dass sich mein oben erwähntes Problem nicht auf die einfachen Menschen in meinem Umfeld beschränkt. Es überträgt sich auf sämtliche Ebenen – wie im Großen, so im Kleinen. Deshalb bringt mich inzwischen auch das hiesige Krisenmanagement auf die metaphorische Palme. Mein Hauptkritikpunkt zielt darauf, dass man sich absolut nicht darauf verlassen kann, dass das, was heute verkündet wird, morgen auch noch gültig ist. Vielmehr könnte man von einer Garantie sprechen, dass sämtliche Ankündigungen entweder gar nicht oder vollkommen anders vonstattengehen werden.

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Wie oft mir schon ein Datum präsentiert wurde, an dem ich endlich wieder nach Hause fahren dürfte, möchte ich gar nicht mehr zählen. Die Informationen ändern sich tagtäglich, was ziemlich zermürbend ist. Ich habe den Eindruck, dass jegliche Maßnahme vorher nicht durchdacht wird. Es wird einfach alles ausprobiert und sofort wieder über Bord geworfen, sobald eine andere Idee besser klingt. Mir ist durchaus bewusst, dass das mein persönliches Problem ist und dass diese Herangehensweise für die Chinesen gut zu funktionieren scheint. Da ich sämtliche Texte aber aus meiner Perspektive verfasse, steht mir mein Ärger durchaus zu.

In unserem konkreten Fall hätten wir bis Montag um 12 Uhr ausreisen können. Das hat man uns aber erst am Montag gegen 14 Uhr mitgeteilt. Aufgrund zu vieler Rückreisender hat sich die Provinz Jiangsu inzwischen dazu entschieden, niemanden aus der Provinz Hubei mehr hineinzulassen. Dieses Einreiseverbot soll vorerst bis zum 20. März anhalten, wobei ich die Einhaltung dieses Datums stark anzweifle. Im Krisenmanagement fehlt mir schlicht und ergreifend der rote Faden, an dem man sich orientieren kann. Darüber habe ich mich maßvoll aufgeregt. Jedoch war das nicht der einzige Grund, der mich in den letzten Tagen massiv geärgert hat.

Da die Quarantäne in der Stadt inzwischen aufgehoben wurde, haben wir (leider) wieder mehr Umgang mit unseren Mitmenschen. Ich muss also wieder vollkommen wirr durch den Tag gehen, weil sich alles, was beschlossen wird, sowieso mehrfach ändert. Wir haben uns zum Beispiel mit einer von Haojings Freundinnen verabredet. Auf einmal sollte das Treffen später stattfinden. Dann sollten wir zunächst die kleine Tante und danach die Freundin besuchen, bis es schließlich hieß, dass wir gar nicht mehr zur Freundin fahren. Als wir dann bei der kleinen Tante waren, sollte ich plötzlich auf der Baustelle helfen, wo der Onkel verunglückt ist.

Es geht mir nicht darum, nicht helfen zu müssen. Ich verzweifle einfach daran, dass ich meinen Tagesablauf nicht eigenständig planen kann und nie weiß, was als nächstes passieren wird. Zusammen mit der angespannten Gesamtsituation ist das wirklich sehr auslaugend. Als enorm schwierig empfinde ich es, in einer anderen Gesellschaft zu leben, wo man selbst der Fremdkörper ist. Selbstredend bin ich derjenige, der sich an die Chinesen anpassen muss. Das versuche ich, doch es fällt mir schwer. Wie schwierig muss die Situation bloß für diejenigen sein, die aufgrund von Flucht – und nicht auf freiwilliger Basis – in einer fremden Kultur leben?

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Ich möchte mich in diesem Beitrag aber nicht permanent über meine persönlichen Wehwehchen beschweren. Ich wollte nur mal Dampf ablassen. Natürlich gibt es auch Positives zu berichten. Haojing und ich waren zusammen am See und haben uns ein Boot „ausgeliehen“, das am Ufer ankerte. Der Frühling ist bei uns in vollem Gange. Eine Jacke ist nur noch an den wenigen kühlen Tagen notwendig. Darüber hinaus haben wir Yuan (Haojings Freundin) an einem anderen Tag trotzdem kurz besucht. Normalerweise wohnt sie in der Stadt, doch ihre Familie besitzt auch ein altes Haus in einem der umliegenden kleinen Bergdörfer.

Dort haben sie einen üppigen Garten, wo wir Gemüse gepflückt haben. Mittlerweile sind die Supermärkte wieder geöffnet – und proppenvoll mit Waren. Es kommt nicht zu Hamsterkäufen. Gerade Toilettenpapier ist in großen Mengen vorhanden. Über eine Tante, die in einem Supermarkt in der Innenstadt arbeitet, konnten wir sogar eine weitere Packung Pulverkaffee besorgen. Die Straßensperren sind zwar noch vorhanden, doch die Leute dürfen im Normalfall passieren. Die Stadtverwaltung ist allerdings nicht besonders glücklich darüber, dass schon wieder so viel Betrieb auf den Straßen war, weswegen erneute Einschränkungen drohen.

Liebe Grüße,

Benjamin