Ich wurde chirurgisch bearbeitet!

Hallo,

zu Beginn der letzten Woche ist bei uns gar nicht so viel passiert und alles war eigentlich ganz normal. Erwähnenswert ist allerdings das herbstliche Wetter, das nun auch in Jiangsu herrscht. Das Thermometer steigt tagsüber nur noch selten auf über 20 Grad Celsius an. Nachts ist es sogar richtig kühl. Es kann aber sein, dass das Wetter in den kommenden Wochen wieder etwas wärmer wird. Bald beginnt die zweite Erntezeit für dieses Jahr, weswegen Haojing wohl wieder viel Zeit mit Organisieren und Übersetzen verbringen muss. Das ist zwar schade, doch die Arbeit bereitet ihr auch Freude. Ich kann mich währenddessen gemütlich entspannen.

Da mich bereits seit längerer Zeit ein tiefsitzender, entzündeter Pickel an einer ungewöhnlichen Stelle am Bauch plagte, suchte ich am Freitag das nächste Krankenhaus auf, um mir dieses sogenannte Atherom herausnehmen zu lassen. Eigentlich wollte ich das während meines nächsten Deutschlandaufenthalts durchführen lassen, doch ich wollte dann doch keine zwei Monate mehr warten. Darüber hinaus möchte ich den Urlaub in meiner alten Heimat nicht unbedingt mit Arztterminen und Schmerzen verschwenden. Haojing und ich mussten nicht lange warten, bis wir an der Reihe waren und der Arzt mich untersuchte.

Hierzu muss man wissen, dass in China noch sehr viele traditionelle Methoden Anwendung finden. Der Arzt ertastete meinen Puls am Daumen und leitete aus meinem Energiefluss (Chi) ab, dass meine Lunge und meine Leber geschwächt wären. Zwar habe ich großen Respekt vor der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und lehne das Energiekörperkonzept ebenfalls nicht kategorisch ab, doch von manchen Praktiken halte ich eher wenig. Es ist mir schleierhaft, wie man Schwächen in bestimmten Organen durch Fingerauflegen erfühlen können soll. Um meine Lungen und Leber langfrisitig zu stärken, muss ich nun dreimal am Tag eine bestimmte Medizin einnehmen.

Dabei handelt es sich um einen dickflüssigen Cocktail aus bitterschmeckenden Kräutern. Das Zeug ist widerlich. Als Kaffeetrinker kann ich über die Bitterstoffe aber nur lachen. Letztendlich probiere ich diese Therapie trotz aller Zweifel aus. Einerseits könnte ich falsch liegen und die Stärkung meiner Lungen und Leber behebt tatsächlich sämtliche Wehwehchen. Andererseits tu ich meiner Gesundheit mit bitteren Kräutercocktails gewiss nichts Schlechtes. Nach der exotischen Diagnosesitzung kamen wir allerdings zurück auf mein akutes Problem, das chirurgisch entfernt werden musste. Bereits im Vorfeld war mir klar, dass die Sache unangenehm würde.

Der Operationssaal war klein und wirkte irgendwie schäbig, das Besteck machte jedoch einen sterilen Eindruck. Da die Region recht entzündet war, musste die lokale Betäubungsspritze leider (mehrfach) in äußerst schmerzempfängliches Gewebe gestochen werden. Überdies wirkte der behandelnde Arzt nicht gerade erfahren. Leider war die Betäubung nicht ausreichend, weswegen ich während des Eingriffs immer wieder die Zähne zusammenbeißen musste. Im weiteren Verlauf gesellte sich ein älterer Arzt hinzu, der sein Handwerk offensichtlich besser verstand. Nach etwa einer halben Stunde hatte ich die kleine Operation zum Glück gut überstanden.

Seitdem erhole ich mich und es geht mir jeden Tag ein Stück besser. Die Wunde verheilt gut, doch sie wird natürlich eine fette Narbe zurücklassen. Da ich mich schonen musste, verbrachte ich viel Zeit am Computer, um unser Haus mit Hilfe von CAD zu modellieren. Meine Frau hatte diesbezüglich eine ziemlich genaue Vorstellung, weswegen ich hinsichtlich Form und Größe nur wenig protestierte. Unser Antrag auf Umbau wurde unlängst genehmigt, weswegen die Bauarbeiten demnächst beginnen werden. Sobald ich die Zeichnungen (mit sämtlichen Bemaßungen) fertiggestellt habe, leiten wir diese an Haojings Onkel weiter und die Bauarbeiten gehen los.

Liebe Grüße,

Benjamin

 

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Ich habe ein neues Lieblings-Restaurant!

Hallo,

Die zurückliegenden Tage waren recht ereignisreich. Letzten Montag hatte Haojing Geburtstag und wurde 31 Jahre alt. Da für die meisten Chinesen der Mondkalender aber wichtiger als der Sonnenkalender ist, hatte meine Frau eigentlich schon zum zweiten Mal Grund zu feiern. Aus Sicht ihrer Familie hatte sie bereits vor zwei Wochen Geburtstag. Da ich als Deutscher allerdings meine gewohnte Zeitschreibung bevorzuge, halte ich mich einfach an den 30. September. Eigentlich schenken wir uns zu solcherlei Anlässen nichts. Dennoch wollte ich Haojing mit Blumen überraschen. Als sie zur Arbeit fuhr, machte ich mich in Dayouzhen auf die Suche.

Leider fand ich so gut wie nichts. Ich machte schließlich in einem kleinen Laden halt, der einige Topfpflanzen im Portfolio hatte. Die Verkäuferin schien sehr überrascht über mein Vorhaben zu sein. Sie fragte mich andauernd, wo ich herkomme und wo ich wohne. Ich dachte schon, sie wollte mir gar nichts verkaufen. Außerdem war die Auswahl äußerst beschränkt. Es gab nur zwei Pflanzen, die auf irgendeine Weise geblüht haben. Ich entschied mich spontan für eine und kaufte dazu den einzigen Blumentopf, der da war. Als ich wieder zu Hause war, putzte ich sämtliche Blätter vorsichtig ab, da eine dicke Staubschicht die Ästhetik arg trübte.

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Haojing kam in der Mittagspause nach Hause und freute sich riesig über das kleine Geschenk. Obwohl sie nachmittags wieder arbeiten musste, hatten wir einen wunderschönen Tag. Am nächsten Morgen wurde ich (wiedermal) um fünf Uhr morgens durch Feuerwerkskörper geweckt. Es war der chinesische Nationalfeiertag und alle spielten verrückt. Haojing und ich sahen uns die Militärparade im Fernsehen an. Ich ging irgendwann an meinen Computer, weil mir das zu langweilig wurde. Die Volksrepublik China wurde dieses Jahr übrigens 70 Jahre alt. Darauf sind die Menschen hier sehr stolz. Überall hängen chinesische Flaggen herum.

Am Freitagabend hatten wir noch Besuch von drei Arbeitskollegen meiner Frau. Haojing kochte für alle und anschließend sahen wir uns noch gemeinsam eine Folge der Serie „Black Mirror“ an. Ich kenne bereits alle Episoden, doch unsere Gäste wollten sich die Serie unbedingt mal anschauen. Spät abends spülte ich noch den gewaltigen Geschirrhaufen ab, denn schon am nächsten Vormittag sollten wir beide uns auf den Weg nach Yancheng begeben. Haojing und ich wollten dort einen Kurzurlaub verbringen, weil wir am Sonntag sowieso einen Experten vom dortigen Flughafen abholen mussten. Der Verkehr auf der Autobahn war die Hölle.

Die Woche, in die der Nationalfeiertag fällt, wird „Goldene Woche“ genannt. Währenddessen haben zahlreiche Arbeiter frei und darüber hinaus kostet die Benutzung der Autobahn keine Maut. Als wir endlich in Yancheng waren, wollten wir Koreanisch essen gehen. Wir parkten in der Tiefgarage unter einer großen Galerie. Unglücklicherweise fanden wir das Restaurant nicht und kamen auch durch Fragen nicht weiter. Deswegen entschieden wir uns kurzerhand für einen Tibeter. Für mich war das Essen in Ordnung, Haojing war leider etwas enttäuscht. Im Anschluss machten wir uns auf den Weg zu unserem nächsten Programmpunkt.

Wir hatten einen Escape Room gebucht. Zusammen mit einer Gruppe von vier ziemlich jungen Chinesinnen arbeiteten wir uns durch mehrere Räume und schafften es am Ende sogar. Bei vielen Fragestellungen war ich keine Hilfe, da mein Chinesisch schlicht und ergreifend zu schlecht war. Wenige Aufgaben hätte die Gruppe aber wohl nicht ohne mich geschafft, weswegen ich durchaus zufrieden war. Um Bilder zu machen, war es zu dunkel. Am Abend fuhren wir beide noch Go-Karts. Haojing hatte jedoch keinen Spaß daran und fuhr nach nur kurzer Zeit wieder in die Box. Das führte dazu, dass ich meine restlichen Runden alleine drehte.

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Wir übernachteten in einem tollen Hotel, direkt neben dem europäischen Viertel, wo wir am Sonntagmorgen hingingen. Dort sind dutzende Häuser im europäischen Stil aufgebaut. Die Gegend war enorm sauber und idyllisch. Ich habe derart viele Fotos geschossen, dass ich gar nicht alle auf meinem Blog veröffentlichen kann. Mitten im europäischen Viertel fanden wir ein japanisches Restaurant. Das traf sich gut, denn es war schon bald Mittagszeit. Dort zu Gastieren war definitiv die beste Entscheidung des gesamten Wochenendes. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so gut in einem Restaurant gegessen zu haben.

Es gab jede Menge rohen Fisch, aber auch einen Gemüsesalat mit Fischlaich, gegrilltes Rindfleisch, gebratenen Pak Choi, ein Gericht aus Gänseleber und Ei sowie eine süßliche Kürbissuppe. Jede Speise schmeckte ganz vorzüglich, aber ganz besonders stachen das Rindfleisch und die verschiedenen Gewürze respektive Soßen hervor. Dort werde ich auf jeden Fall nochmal essen gehen. Ich übertreibe nicht. Das Essen war wirklich eine Offenbarung. Hinterher machten wir uns schon auf den Weg zum Flughafen, um den Kurzeitexperten abzuholen. Kurioserweise stellte sich heraus, dass er Luxemburger ist. Die Welt ist tatsächlich klein.

Liebe Grüße,

Benjamin

Ein wenig Hysterie vor den Feierlichkeiten!

Hallo,

in meinem letzten Beitrag habe ich jede Menge Wut rausgelassen. Inzwischen hat sich meine miese Stimmung wieder gelegt. Das heißt nicht, dass ich die Vorkommnisse von letzter Woche auf einmal gutheiße, sondern lediglich, dass ich jetzt wieder gut gelaunt bin. Dennoch sollte bedacht werden, dass der aufgezwungene Wochenendurlaub aus Sicht der Chinesen ein sehr großzügiges, wohlgemeintes Geschenk an Haojing und mich war. In Dayouzhen hat sich während unserer Abwesenheit nicht allzu viel getan. Eigentlich ist noch alles beim Alten. Dementsprechend musste ich am Dienstag wieder im Klassenzimmer antreten.

Am zweiten Wochentag unterrichte ich immer den älteren Jahrgang der Vorschule. Die Kinder sind ungefähr sechs Jahre alt. Bislang hatte ich mit ihnen die Zahlen von eins bis zehn, die Bezeichnungen für einige Tiere und einen einfachen Begrüßungsdialog durchgenommen. An diesem Tag fingen wir mit Obst und Gemüse an. Natürlich wird es noch einige Unterrichtsstunden dauern, bis die neuen Wörter sitzen. Mit dem jüngeren Jahrgang, den ich regelmäßig donnerstags unterrichte, bin ich noch nicht so weit. Das liegt einerseits daran, dass sie jünger sind, und andererseits daran, dass mir die zweite Klasse erst später zugeteilt wurde.

Letzte Woche Dienstag fragte mich die Klassenlehrerin, ob ich nach dem Unterricht noch Basketball mit den Kindern spielen könnte. Eigentlich wollte ich nach Hause gehen, aber um nicht unhöflich zu sein, sagte ich für 20 Minuten zu. Das hat sich gelohnt, denn es hat echt Spaß gemacht. Ein Großteil der Kinder hat mittlerweile keine Angst mehr vor mir. Wir haben den Ball hin und her gespielt und abwechselnd auf die Körbe geworfen. Leider traf ich auch mal einen kleinen Jungen im Gesicht (man muss halt vorsichtig sein), aber sonst war es wirklich eine angenehme Erfahrung. Ich konnte es kaum glauben, dass die Zeit so schnell vorbeiging.

Letzte Woche war wieder eine Art Straßenmarkt in unserem Heimatort. Auf einer der beiden Hauptstraßen werden dann immer mehrere Verkaufsstände aufgebaut. Gekauft habe ich mir dort noch nie etwas. Die Preise sind vermutlich sehr günstig, doch ich sehe es nicht ein, mir etwas zu kaufen, das ich nicht wirklich brauche. Nur etwas zu kaufen, weil es günstig ist, ist nämlich alles andere als genügsam. An einem anderen Tag fuhren meine Frau und ich noch an eine künstliche Teichanlage, die extra für den Besuch der deutschen Landwirtschaftsministerin innerhalb von drei Tagen aus dem Boden gestampft wurde.

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Am Wochenende waren wir noch mit drei von Haojings Arbeitskollegen in einem Restaurant in Binhai Hot Pot essen. Es war sehr lecker. Ich finde es jedes Mal erstaunlich, was die Chinesen alles essen. Hierzu zählen die verschiedensten Innereien und Pflanzen, bei denen man in anderen Teilen der Welt wohl nicht mal auf die Idee käme, diese zu verspeisen. Leider kam es in der vergangenen Woche auch zu einer leicht prekären Situation. Da sich der chinesische Nationalfeiertag näherte, wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Dazu zählte unter anderem auch ein Check, ob die Ausländer dort wohnen, wo sie gemeldet sind.

Weil wir mich Anfang des Jahres aus dämlichen Gründen in Chibi melden mussten, bekam meine Schwiegermutter einen unangenehmen Anruf von der lokalen Polizei. Sie sagte, dass ich verreist wäre. Das war eine schlechte Antwort und führte dazu, dass ich wohl zurück nach Chibi hätte fliegen müssen, um mich bei den zuständigen Ämtern zu melden. Zum Glück ließ Haojing ihre Kontakte spielen. Einer ihrer Cousins ist gut mit dem zuständigen Polizisten befreundet und regelte die Angelegenheit noch rechtzeitig. Wir hatten Glück, dass meine Abwesenheit noch nicht an die nächsthöhere Instanz gemeldet worden war.

Liebe Grüße,

Benjamin

Heute hole ich zum Rundumschlag aus!

Hallo,

in meinem letzten Beitrag resümierte ich, dass das Leben in China eigentlich gar nicht so schlecht ist und ich vor meinem Deutschlandurlaub wahrscheinlich einfach unter einem gewissen Heimatentzug litt. Diese vermeintliche Feststellung möchte ich hiermit (teilweise) revidieren. Vielmehr kann ich wiedermal genau das bestätigen, was mir bereits in der Vergangenheit mehrfach aufgefallen war: Der Umgang mit den Chinesen und deren Gepflogenheiten ist für mich schlicht und ergreifend ein Graus. Doch anstatt direkt zum Punkt zu kommen, der das Fass definitiv zum Überlaufen brachte, schildere ich meine vergangene Woche der Reihe nach.

Nach überstandener Krankheit, die zwar heftig, aber kurz ausfiel, reisten wir anlässlich des Mondfestes mit etwas Verspätung zu Haojings Familie nach Chibi. Bereits im Vorfeld war klar, dass ich während dieser Woche nicht vollständig auf Alkohol und Kohlenhydrate verzichten konnte, weswegen ich wenige geplante Ausnahmen in mein Ernährungsparadigma einbauen musste. Das funktionierte erstaunlich gut. Allem Anschein nach ist das Mondfest wesentlich unbedeutsamer als das Frühlingsfest. Einige Verwandte waren in der Woche gar nicht erst angereist und es wurde auch nicht so aufwendig aufgetischt wie ich erwartete.

Beim berüchtigten Mondkuchen handelt es sich übrigens nicht um einen selbstgebackenen Kuchen, sondern lediglich um kleines, abgepacktes, keksähnliches Gebäck. Das hätte mir eigentlich im Vorfeld klar sein können, da es hierzulande sowieso nicht der Norm entspricht, selber zu backen oder überhaupt einen Ofen zu besitzen. In Chibi war es sehr heiß. Wir hatten Tag und Nacht Temperaturen um die 35 Grad Celsius und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Durch das Schlafen unter der Klimaanlage fing ich mir zu meinem Übel eine unangenehme Erkältung ein, die mir wirklich starke Kopfschmerzen bescherte. Medikamente hatten wir leider nicht dabei.

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Deswegen kaufte Haojing für mich Schmerztabletten aus einer chinesischen Apotheke. Zunächst hatte ich ein paar Bedenken, jene auch einzunehmen. Da diese aber sowieso weltweit nach industriellen Standards hergestellt werden, sind sie wahrscheinlich auch überall gleichermaßen gesundheitsgefährdend. Jedenfalls haben mir die Tabletten wirklich gut gegen die Schmerzen geholfen und ich konnte mich erholen. Relativ schnell war ich wieder gesund. Meine Frau und ich wollen in Zukunft gerne ein Haus in Deutschland und in China aufbauen. Für letzteren Standort haben wir inzwischen konkrete Pläne geschmiedet.

Das Haus, in dem Haojing aufgewachsen ist, liegt in einem kleinen Bergdorf, etwa 30 Minuten von Chibi entfernt. Mittlerweile ist es baufällig und kann nicht mehr bewohnt werden. Wir wollen es abreißen und dort ein neues Haus hinsetzen. Da es ein Naturschutzgebiet ist, darf dort offiziell kein Neubau errichtet werden, weswegen wir unser kleines Projekt als Umbau bei den zuständigen Behörden durchboxen wollen. Die erste Instanz hat uns bereits grünes Licht gegeben, von der zweiten erhielten wir bis dato keine Rückmeldung. Die Lage ist perfekt. Dort gibt es einen kleinen Bergsee und einen riesigen Bambuswald.

Wir möchten gerne in einem modernen Haus leben, das mit Wasser, Strom, Klimaanlage, Fußbodenheizung und natürlich Glasfaserinternet ausgestattet ist. Auch eine anständige Isolierung, wie sie in China eher unüblich ist, haben wir selbstredend eingeplant. Da einer von Haojings Onkeln ein Bauunternehmen leitet, steht der Realisierung eigentlich nur noch die ausstehende Genehmigung im Wege. Das Ganze wird wahrscheinlich sogar schneller vonstattengehen als mir lieb ist. Eigentlich hatte ich mich noch nicht darauf eingestellt, ein Haus zu bauen, doch je länger wir warten, desto eher wird unser Antrag auf Umbau abgelehnt.

Nun möchte ich aber zu den Dingen kommen, über die ich mich in China schon so oft kolossal aufgeregt habe. Immer wieder, wenn wir bei meinen Schwiegereltern zu Besuch sind, wird mir am eigenen Leib demonstriert, wie fürchterlich fremdbestimmt das Leben der Chinesen ist. Die Eltern entscheiden darüber, was ihre Kinder machen, selbst wenn sie – wie in unserem Fall – schon 30 Jahre alt sind. Wenn die Schwiegermutter sagt, dass wir jetzt ins Restaurant fahren, um zu Essen, dann wird das gemacht. Wenn die Schwiegermutter sagt, dass wir jetzt beliebige Verwandte besuchen fahren, dann wird das auch gemacht.

Dabei spielt es keine Rolle, ob man eigene Pläne gemacht hat oder diese bereits am Durchführen ist. In jenem Fall wird man angerufen und nach Hause beordert, um genau das zu unternehmen, wonach die Schwiegermutter gerade verlangt. Vieles davon liest sich zunächst wohl erträglicher als es sich tatsächlich anfühlt. An dieser Stelle sollte man bedenken, dass derartige Kommandos jederzeit, vollkommen aus dem Nichts heraus, eintreffen und dass sich ein schwiegermütterlicher Plan von jetzt auf gleich wieder komplett ändern kann. Summa summarum führt das zu einem absolut unorganisierten, bedrückenden Tagesablauf.

Anhand dieser Beschreibung könnte man meinen, ich würde Haojings Mutter nicht mögen, doch dem ist nicht so. Vielmehr handelt es sich um eine Eigenart der chinesischen Familienkultur, die für mich absolut unvereinbar mit Wohlbefinden ist. Deshalb reise ich nicht gerne nach Chibi und ich war sehr froh darüber, als wir am Samstag endlich nach Hause fliegen konnten. Doch unglücklicherweise war die Odyssee noch nicht vorbei. Wie sich meine Leserschaft sicherlich erinnert, wurde uns im Juli für zwei Wochen ein Au-Pair-Junge gewissermaßen aufgezwungen. Als Dankeschön wollte uns seine Familie vom Flughafen abholen und zum Essen einladen.

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Darauf hatte ich eigentlich überhaupt keine Lust, da ich endlich nach Hause wollte und wegen des frühmorgendlichen Flugs auch nur zwei Stunden Schlaf intus hatte. Dennoch sagte ich zu, weil wir bereits mehrfach abgesagt hatten und sie uns immer wieder einladen würden. Auf einmal hieß es, dass sie noch gerne mit uns in einen Park fahren würden. Nur kurze Zeit später, als wir uns mit sämtlichem Gepäck bereits im Auto befanden, wurde uns mitgeteilt, dass die Familie das ganze Wochenende in diesem Park bleiben würde und schon ein Zimmer für Haojing und mich gebucht hätte. Das Auto war quasi dorthin unterwegs.

Über diesen auf unfassbare Weise aufgezwungenen Kurzurlaub habe ich mich dermaßen aufgeregt, das glaubt mir keiner. Natürlich habe ich die Wut schön in mich hineingefressen, weil ich keine Szene machen wollte, aber ich bin auch jetzt – zwei Tage später – noch auf 180. Dabei spielt es keine Rolle, dass dieser Park wirklich schön war und wir auch weite Teile des Wochenendes genießen konnten. Es geht mir einfach darum, dass das Leben in China fremdbestimmt und scheinheilig bis zum Gehtnichtmehr ist. Mit voller Absicht haben uns diese Leute in eine Situation gebracht, in der wir einfach nicht mehr absagen konnten.

An diesem Samstag hatten Haojing und ich übrigens unseren ersten Hochzeitstag. Deswegen versuchte ich, meinen Ärger zu vergessen und die Zeit ein wenig zu genießen. Der Park bestand aus einem großen, künstlich angelegten Wald, durch den man zu Fuß gehen oder sich mit einem kleinen Elektrobus fahren lassen konnte. Tagsüber sind wir unter anderem Tretboot gefahren und waren in einem guten Restaurant essen. Ich hatte Steak. Am Abend fand eine Show mit Live-Musik statt. Am Sonntagnachmittag ging es nach einem großen Abschiedsessen schließlich nach Hause. Abends war ich geplättet, aber glücklich, endlich zurück zu sein.

Liebe Grüße,

Benjamin

Eigentlich ist China gar nicht so schlimm…

Hallo,

mehr oder weniger überraschend musste ich in den vergangenen zweieinhalb Wochen feststellen, dass ich viele Dinge, die mich vor meiner Deutschlandreise am Leben in China genervt haben, gar nicht mehr so schlimm finde. Diese fallen mir natürlich nach wie vor auf, doch irgendwie stören sie mich weniger als zuvor. Das mag daran liegen, dass der längere Aufenthalt in meiner alten Heimat das berüchtigte Fass, das überzulaufen drohte, wieder geleert hat. Jedenfalls macht sich inzwischen ein leichtes Heimatgefühl bemerkbar, wenn ich durch die Straßen von Dayouzhen schlendere, obwohl die schönen Ecken äußerst rar gesät sind.

Um diese Sache besser einordnet zu können, muss ich natürlich ein paar Monate abwarten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir meine Sehnsucht nach der Eifel irgendwann wieder meinen Chinaaufenthalt madig machen wird. Summa summarum habe ich mich inzwischen aber eingelebt. Ich schlafe wieder ordentlich. Die letzten drei Nächte bekam ich sogar eine ausreichende Menge Schlaf, da Haojing zurzeit auf einer Geschäftsreise ist. Vielleicht sollten wir wirklich mal das Bett im Gästeschlafzimmer zurechtmachen, damit ich ab und zu ausschlafen kann. Dafür müssten wir den Raum aber erst einmal gründlich entrümpeln.

In Deutschland habe ich mir einen neuen Tischtennisschläger gekauft. Das war bitter nötig, da mein alter bereits drei Jahre alt war. Mit dem Holz war ich sehr zufrieden, weswegen ich mir für meinen neuen Schläger das gleiche ausgewählt habe. Allerdings bin ich von einer geraden auf eine konkave Griffform gewechselt. Damit verliere ich zwar ein wenig an Flexibilität, doch so sitzt der Schläger fester in der Hand. Meine neuen Beläge auf Vor- und Rückhand sind wesentlich härter und schneller als zuvor. Das macht das Handling allgemein schwieriger, meine Schläge dafür aber besser. An das neue Spielgefühl muss ich mich noch gewöhnen.

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In der Praxis funktioniert es ganz gut. Im Training komme ich gegen manche Gegner besser, gegen andere schlechter parat. Vor allem die Aufschlagannahme und der Topspin gestalten sich viel schwieriger. Das Schnittspiel und das Draufschlagen sind demgegenüber wesentlich einfacher. Im Anschluss an das Training letzten Sonntag, haben mich meine Kollegen zum Essen eingeladen. Es war sehr lecker, doch es ist mir immer noch ein Rätsel, wieso Chinesen so sehr auf Fisch abfahren, der mit kleinen, spitzen Gräten völlig durchsetzt ist. Nach jedem Stück muss man minutenlang im Mund die Gräten ausfindig machen und herausholen.

Momentan haben wir recht angenehmes Wetter. Man kommt zwar schon ins Schwitzen, doch irgendwie fühlen sich 30 Grad Celsius hier anders an als 30 Grad Celsius in Deutschland. Ich glaube, dass die hohe Luftfeuchtigkeit in Verbindung mit dem Wind einen kühlenden Effekt hat. Die Pflanzenwelt erfreut sich ebenfalls am hiesigen Klima. Ich vermute, dass wir aktuell die schönste Jahreszeit in Jiangsu haben. Die Bäume in der Parkanlage tragen ein Blätterkleid in kräftigen Grüntönen und zahlreiche Blumen sind in den verschiedensten Farben am Blühen. Sonne und Wolken wechseln stets und gelegentlich ergießt sich ein Regenschauer.

Meine Frau ist zurzeit in Harbin, einer Millionenstadt ganz im Norden von China. Dort ist es ein gutes Stück kälter als bei uns. Sie muss für eine deutsche Delegation, die irgendwelche Felder besichtigt, dolmetschen. In ihrer Abwesenheit muss ich mein Frühstück leider selbst zubereiten. Ich esse jeden Morgen fünf Spiegeleier mit Tomaten. Abends esse ich gebratenes Gemüse und als Nachtisch gibt es zurzeit Heidelbeeren mit Käse. Seit ich wieder in China bin, habe ich übrigens vier Kilogramm abgenommen. Allerdings fliegen wir kommende Woche nach Chibi, wo mich Haojings Familie wohl wieder mit Essen und Schnaps abfüllen will.

Liebe Grüße,

Benjamin

Ich stehe wieder im Klassenzimmer!

Hallo,

inzwischen sind wir bereits seit zwei Wochen wieder in China und zu unserem großen Glück können wir nachts wieder zu unseren gewohnten Uhrzeiten einschlafen. Der Jetlag ist also endlich überwunden. Das mindert allerdings nicht die missliche Tatsache, dass ich in China generell eher schlecht schlafe. Ich weiß nicht genau, woran das liegt, aber es spielen wohl zahlreiche Faktoren eine Rolle. Einerseits sind die Matratzen generell sehr hart. Andererseits stehen die Chinesen sehr früh auf und verursachen bereits in den Morgenstunden enorm viel Lärm, den das äußerst schlecht gedämmte Haus kaum abzuschwächen vermag.

Des Weiteren sind Jalousien, die den Raum vollständig abdunkeln, hierzulande einfach nicht gängig. Sobald es anfängt zu dämmern, ist mir unser Schlafzimmer für einen erholsamen Schlaf also bereits zu hell. Wenn man nun berücksichtigt, dass ich seit jeher ein bis zwei Stunden brauche, um überhaupt einschlafen zu können, wird mein Problem offensichtlich: Ich schlafe zu spät ein und kann nicht einmal anständig ausschlafen. Auf längere Dauer kann das nicht so gut sein, weswegen ich demnächst eine Schlafmaske ausprobieren möchte. Ohrstöpsel kommen für mich jedoch aus anderweitigen Gründen leider nicht infrage.

Momentan kursiert eine Schweinekrankheit durch das Land, an der – Gerüchten zufolge – bereits Menschen gestorben sind. Deswegen wurde bei uns der gesamte Schweinebestand notgeschlachtet. Das führt natürlich zu einer gewissen Knappheit. Natürlich kann ich auf das Fleisch verzichten, doch leider wird unser selbstgemachtes Bratfett langsam knapp. Da Haojing weder Rind noch Milchprodukte isst und ich unter keinen Umständen flüssige Pflanzenöle erhitzen möchte, haben wir kaum Optionen. Zu unseren Möglichkeiten zählen noch unverarbeitetes Kokosöl, Palmöl oder auch Gänseschmalz. Doch diese Fette sind in China nicht einfach zu bekommen.

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Die Schweinefleischknappheit besitzt allerdings auch durchaus positive Seiten: Die kulinarische Auswahl an anderen Tieren steigt rapide. Ich hatte bereits zweimal gegrilltes Lammbein. Dieses verfügt über ein besonders großes Stück aus zusammenhängendem, zartem Fleisch, das nicht von Knochen, Knorpel, Sehnen, dicken Fettschichten oder undefinierbarem Zeug durchwachsen ist, so wie es in China sonst üblich ist. Dieses Gericht ist derart lecker, dass ich beim ersten Mal ein vollständiges Lammbein alleine vertilgte. Außerdem habe ich vergangene Woche Zikaden gegessen, die mir ebenfalls sehr gut bekommen sind.

Da die Sommerferien seit September vorbei sind, kam ich wieder im Klassenraum zum Einsatz. Glücklicherweise muss ich nur zweimal pro Woche (jeden Dienstag und Donnerstag) eine Stunde Englisch unterrichten. Ich betreue zwei Klassen, von denen ich bislang aber nur eine kennengelernt habe. In dieser befinden sich etwas mehr als 20 fünf- bis siebenjährige Kinder. Der erste Unterricht entpuppte sich als mühsam, da ich diesmal niemanden an meiner Seite habe, der meine Anweisungen übersetzt. Dieser Umstand macht es nochmal besonders schwierig, einen solchen Haufen irgendwie im Zaum zu halten.

Um das Eis zu brechen, habe ich Schokolade aus Deutschland (Ritter Sport Mini) mitgebracht und verteilt. Darüber haben sich die Kinder riesig gefreut. Ich bin sehr gespannt, wie sich diese Sache in Zukunft entwickeln wird. Momentan herrscht feucht-warmes Wetter in Jiangsu. Es regnet relativ oft, was mich aber bei den Temperaturen um die 30 Grad Celsius überhaupt nicht stört. Ich gehe nach wie vor regelmäßig zur Massage. Letztes Mal war ich in einem anderen Salon, der ein bisschen weniger nach Bordell aussieht. Dort bekam ich eine 30-minütige Rückenmassage, wurde anschließend geschröpft und war hinterher nur acht Euro leichter.

Liebe Grüße,

Benjamin

Mit nasser Kleidung unterwegs im Affenpark!

Hallo,

wirklich wieder in Dayouzhen eingelebt habe ich mich noch nicht. Die Zeitumstellung macht mir leider immer noch zu schaffen und es ist mir noch nicht möglich, vor 3 Uhr nachts einzuschlafen. Haojing ist hinsichtlich Jetlags inzwischen glücklicherweise etwas weiter als ich, da sie bereits letzte Woche mehrfach früh aufstehen musste. Theoretisch könnte ich mich auch in der Frühe aus dem Bett zwingen, doch in der Praxis ist das schwieriger als man denkt. Ab Montagmorgen werde ich aber wieder in der hiesigen Vorschule Englisch unterrichten, weswegen sich diese Problematik in den kommenden Tagen von selbst erledigen sollte.

An dieser Stelle möchte ich noch erwähnen, dass mein Opa für uns ein paar tolle Dinge geschnitzt hat. Diese haben wir aus Deutschland mit in unsere Wohnung geholt. Auf dem Wandregal ist nun ein Ständer mit sieben einzigartigen Haarnadeln untergebracht. Über dieses Geschenk hat sich vor allem Haojing sehr gefreut, da sie sehr oft Haarnadeln verwendet, um ihre angsteinflößenden Asiaten-Haare zu bändigen. Mein Kopf wurde nach unserer Ankunft frisch geschoren, weswegen ich demgegenüber wohl keine Verwendung für die Teile habe. Doch unabhängig davon verschönert das Kunstwerk natürlich den gesamten Raum.

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In unserem Gästezimmer bin ich vergangene Woche auf einen ungebetenen Gast gestoßen. An der Decke saß tatsächlich ein Gecko. Ich habe absolut keine Ahnung wie dieser in unsere Wohnung gekommen ist. Sämtliche Fenster sind durch Fliegengitter geschützt und sonstige Öffnungen sind mir nicht bekannt. Möglicherweise gibt es irgendwelche Löcher, von denen ich nichts weiß, oder er hat den richtigen Moment abgewartet und ist durch die Haustür eingedrungen. Nach kurzer Zeit verlor ich das Reptil aus den Augen. Wir teilen uns nun die Wohnung. Das finde ich aber nicht schlimm, denn immerhin frisst er störende Insekten.

Letzten Donnerstag kamen Haojings Vorgesetzter, seine Frau und sein Sohn in Dayouzhen an. Letztere werden für einen Monat bleiben. Am gestrigen Samstag fuhren wir fünf gemeinsam nach Lianyungang. Dort besuchten wir einen Art Freizeitpark, welcher der Figur „Sūn Wùkōng“ aus der chinesischen Mythologie gewidmet ist. Bei ihm handelt es sich um einen Affen mit Superkräften, der auf einer Wolke reitet und einen magischen Kampfstock besitzt. Auf dieser Figur basiert übrigens der berühmte Anime-Charakter „Son Goku“ aus „Dragon Ball“. In diesem Freizeitpark waren jedenfalls mehrere Darsteller in Affenkostümen unterwegs.

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Nachdem wir in den Park eintraten hatten wir eine leichte Wahl zu treffen: Besteigen wir drei Stunden mühsam den Berg oder lassen wir uns 15 Minuten mit dem Kleinbus hochfahren? Natürlich entschieden wir uns mit dem dreijährigen Kind für die einfache Variante. Der Fahrer fuhr zwar wie eine Sau, aber wir kamen unversehrt oben an. Dort bestiegen wir den Gipfel, der noch ein paar Meter höher lag, schauten uns ein paar Tempel an und genossen die schöne Aussicht. Zurück wanderten wir eine ganze Weile, bis wir uns trennten. Haojing, ihr Chef und ich wollten mit den schnellen Action-Schlauchbooten herunterfahren.

Während Sasha und ihr Sohn die Seilbahn nahmen, setzten wir uns nach einer gewissen Warte- und Einweisungszeit in die Boote. Bereits vor dem Start waren unsere Schuhe, die wir nicht ausziehen durften, sowie Hintern eingenässt, da sich Wasserablauflöcher in den Böden der Boote befanden. Dann ging es los – und es war echt heftig. Zweimal wären Haojing und ich fast umgekippt. Zwischendrin ging es wirklich sehr steil nach unten. Ziemlich schnell waren wir vollständig durchnässt. Zum Glück kamen wir gesund unten an. Anschließend gingen wir noch (natürlich nass) in ein gutes Restaurant für Meeresfrüchte.

Liebe Grüße,

Benjamin