Tragischer Unfall überschattet bevorstehende Reisefreiheit!

Hallo,

Die vergangenen Tage waren sehr ereignisreich – leider auch auf äußerst schlimme Weise. Am Donnerstagabend, als ich noch voller Elan am Arbeiten war, kam es zu einem tragischen Unfall, bei dem einer meiner chinesischen Onkel gestorben ist. Er war der Ehemann der jüngsten Schwester meiner Schwiegermutter. Der Unfall ereignete sich während privaten Umbauarbeiten. Natürlich war das eine sehr schockierende Nachricht für uns alle. Der Schock sitzt tief. Bislang kannte ich das Gefühl nicht, jemanden ohne Vorwarnung von jetzt auf gleich zu verlieren. Er stand mir zwar nicht besonders nah, doch schlecht fühle ich mich trotzdem.

Am selben Abend fuhren wir noch zum Elternhaus des Verstorbenen. Donnerstag war übrigens der erste Tag, an dem man mit dem Auto an den Straßensperren durchgelassen wurde. Zahlreiche Familienmitglieder und Freunde waren vor Ort, um sich von ihm zu verabschieden. Es waren bestimmt mehr als 100 Menschen anwesend. Dass die Stimmung nicht gerade heiter war, versteht sich von selbst. Nachdem wir den Hinterbliebenen unser Beileid kundgetan hatten, fuhren wir wieder nach Hause. Am Freitagabend ging es für uns schließlich nochmal zum Elternhaus, um an der Beerdigungszeremonie teilzunehmen.

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Als wir ankamen, mussten wir, weil wir zur jüngeren Generation gehören, weiße Trauerroben überziehen. Dann führten wir ein kurzes Ritual mit Räucherstäbchen und Verbeugungen durch und im Anschluss umarmten wir unsere Tante – alles unter strenger Aufsicht eines höheren Parteimitgliedes, das wegen der besonderen Umstände (Quarantäne) hinzugezogen wurde. Normalerweise hätten alle Anwesenden über die ganze Nacht hinweg bleiben müssen und wären erst morgens, unmittelbar vor der eigentlichen Beerdigung, nach Hause gegangen. Wir fuhren allerdings schon gegen 23 Uhr zurück in unsere Wohnung.

Aus nachvollziehbaren Gründen habe ich keine Fotos von der Trauerfeier geschossen. Ansonsten gilt noch zu erwähnen, dass das Interview, welches ich letzten Sonntag gegeben habe, inzwischen online ist. Das Ganze wurde in der Sendung „Tacheles“ ausgestrahlt, die ungefähr einmal im Monat erscheint. Ich habe das Video unter diesem Absatz eingebettet. Man kann mich von Minute 20 bis Minute 40 sehen. Ich empfehle jedem ausdrücklich, die Kommentare unter dem Video nicht zu lesen. Man bekommt nämlich den Eindruck, in Deutschland wäre die Situation schlimmer als in Wuhan. Angst und Panik sind immer der falsche Weg.

Inzwischen haben wir Neuigkeiten, die unseren Ausreiseantrag betreffen. Wir waren auch schon bei einem zuständigen Amt, um die letzten Formalitäten zu klären. Es gibt eine Online-Plattform, auf der Arbeitgeber und Behörden miteinander Daten austauschen und kommunizieren können. Unser Antrag wurde dort überprüft. Haojings Arbeitgeber hat über dieses Portal quasi bestätigt, dass unsere Angaben der Wahrheit entsprechen. Soweit wir wissen, sind sämtliche Hürden überwunden und wir dürfen demnächst ausreisen. Wir haben allerdings noch keine schriftliche Bestätigung. Diese werden wir aber (hoffentlich) in den nächsten Tagen erhalten.

Wir waren in den letzten Tagen öfters für einen Spaziergang im Freien. Ein Ansteckungsrisiko ist inzwischen kaum noch vorhanden. Das Wetter ist sehr schön. Wir haben ein Picknick in idyllischer Landschaft gemacht. Mittlerweile werden die Supermärkte nach und nach wieder geöffnet. Es herrscht noch keine Normalität, aber wir sind auf einem guten Weg. Innerhalb der Stadt dürfen wir uns frei bewegen. Die Autobahnen sind allerdings nach wie vor dicht. Ich rechne damit, dass wir am nächsten Wochenende nach Hause fahren werden. Selbstredend gibt es für diesen Termin keine Garantie, doch es deutet momentan vieles darauf hin.

Liebe Grüße,

Benjamin

Leider gibt es noch keine Neuigkeiten…

Hallo,

wie man bereits anhand der Überschrift unschwer erkennen kann, gibt es noch keine Neuigkeiten zu verkünden. Dass sich diese Aussage auf unseren letztwöchig gestellten Ausreiseantrag bezieht, versteht sich von selbst. Wir müssen wohl oder übel noch ein paar Tage warten. Meiner Einschätzung nach könnte es bis Mitte März dauern. Ich lasse mich allerdings gerne positiv überraschen. Die jüngsten Zahlen bereiten mir durchaus Hoffnung. Hierzulande kommt es kaum noch zu Neuinfektionen und es werden täglich zahlreiche Menschen aus den Krankenhäusern entlassen. Die Anzahl der momentan Erkrankten ist bereits um mehr als die Hälfte gesunken.

Laut offizieller Statistik (04. März 2020) erkrankten in China insgesamt 80.270 Menschen. Davon sind inzwischen 49.856 wieder gesund, während noch 27.433 mit dem Virus kämpfen. Die Zahl der Todesopfer beträgt derweil 2.981. Ich bin mir durchaus bewusst, dass es sich hierbei nur um die statistisch erfassten Fälle handelt und die Dunkelziffer gewiss davon abweichen wird. Man sollte allerdings bedenken, dass die nicht gemeldeten Fälle wohl eher weniger schwer verlaufen und von alleine zu Hause ausheilen. Dass die Statistik – weil es so Manchem gut ins Bild passt – bewusst falsch wiedergegeben wird, halte ich für Quatsch.

Es gibt schon einige Dinge, über die ich nach Ablauf der vergangenen Woche berichten kann. Zunächst sei erwähnt, dass mir der Kaffee, den Haojing zufälligerweise im Gerümpelschrank gefunden hatte, sehr gut schmeckt. Jeden Tag trinke ich zwei große Tassen. Damit komme ich zwar nicht ganz auf meinen gewohnten Kaffeekonsum, doch möchte ich auch ein wenig rationieren. Außerdem könnte es mir gut tun, generell etwas weniger Kaffee zu trinken. Wer mich kennt, weiß, dass ich Kaffee nicht trinke, weil ich die Wirkung des Koffeins brauche, um wach zu sein. Ich liebe einfach den kräftigen Geschmack eines guten Kaffees.

Letzte Woche haben wir eine Flasche chinesischen Rotwein geöffnet. Bislang hatte ich hierzulande immer recht ekligen Wein getrunken, aber dieser war wirklich gut. Ich war positiv überrascht. Leider sind Chinesen keine Feinschmecker, wenn es um alkoholische Getränke geht. Sie kippen immer alles herunter, um ihre Männlichkeit zu untermauern. Da man im Moment nur mit günstigen Grundnahrungsmitteln versorgt wird, gibt es in letzter Zeit des Öfteren kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Brot, Nudeln oder Reis. Dieser bemitleidenswerte Umstand ist natürlich nicht dauerhaft mit meiner (angestrebten) ketogenen Ernährung vereinbar.

Glücklicherweise haben wir auch Eier im Überfluss, weswegen ich fast nichts anderes mehr esse. Dennoch greife ich manchmal zum Brot, weil es einfach sehr lecker schmeckt. Die chinesische Interpretation von Brot wird für gewöhnlich warm verzehrt und lässt sich am besten mit dem Begriff „Dampfnudel ohne Füllung“ umschreiben. Dass ich mir jedes BVB-Spiel anschaue und selbst in tiefster Nacht dafür aufstehe, sollte allgemein bekannt sein. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle die fantastische Halbzeitanalyse des chinesischen Online-Senders. Über jegliche Inhalte kann ich zwar nichts sagen, aber zumindest die Optik stimmt.

Ich habe schon seit ein paar Wochen Kontakt zu einem deutschen Journalisten, der sich sehr für die Situation in der Quarantänezone interessiert. Er hat bereits zweimal einen Artikel mit Inhalten aus meinem Blog veröffentlicht. Letzten Sonntag habe ich ein etwa 20-minütiges Interview gegeben, das im Laufe der Woche auf YouTube veröffentlicht wird. Den Link werde ich selbstverständlich meinem nächsten Beitrag beifügen. Wer jedoch regelmäßig meinen Blog liest, wird keine nennenswerten Neuigkeiten erfahren. Ansonsten gibt es noch zu berichten, dass ich mit dem Pokémon-Spiel fertig und wieder mehr oder weniger beschäftigungslos bin.

Liebe Grüße,

Benjamin

Die Lage entspannt sich sehr langsam…

Hallo,

in einem zurückliegenden Beitrag schrieb ich, dass die Quarantäne am 24. Februar eventuell aufgehoben würde. Das hat sich leider nur teilweise bewahrheitet. Wir können uns nach wie vor nicht ohne Weiteres auf den Heimweg begeben, doch immerhin konnten wir einen wichtigen Grundstein für unsere Rückreise legen. Inzwischen ist es möglich, einen Antrag auf Ausreise zu stellen, was wir natürlich sofort gemacht haben. Sollte dieser genehmigt werden, dürfen wir die Quarantänezone verlassen. Die Chancen hierzu stehen gar nicht so schlecht. Haojing übt eine wichtige Tätigkeit im Bereich der Landwirtschaft aus.

Dass die Lebensmittelversorgung in China aktuell höchste Priorität genießt, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Allerdings reicht eine Ausreisegenehmigung nicht aus. Der Verwaltungskreis, in dem wir wohnhaft sind, lässt momentan nämlich niemanden ohne entsprechende Genehmigung einreisen. Ergo müssen wir noch einen zweiten Antrag einreichen, der natürlich ebenso bewilligt werden muss. Nach erfolgreicher Rückkehr werden wir schließlich erneut für zwei Wochen isoliert. Ich hoffe inständig, dass wir diesen Zeitraum in unserer Wohnung verbringen dürfen. Alle anderen Möglichkeiten wären wirklich sehr unangenehm.

Letzten Mittwoch – kurz nachdem ich meinen Beitrag veröffentlicht hatte – bekam ich Kopfschmerzen und mir wurde übel. Ich musste einige Stunden bei Dunkelheit und Stille im Bett liegen, dann wurde es besser. Ich weiß nicht genau, was mir fehlte. Es war für eine kurze Zeit sehr unangenehm, wurde aber schnell besser. Möglicherweise handelte es sich um Migräne. Normalerweise habe ich keine Probleme damit, aber meine gegenwärtige Situation ist schließlich auch nicht normal. Richtig gesund fühle ich mich erst wieder seit dem Wochenende. Kein anderer aus der Familie wurde krank. Der Coronavirus war das sicherlich nicht.

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Während die täglichen Neuinfektionen im Rest der Welt stetig steigen, gehen sie hierzulande weiterhin zurück. In den letzten beiden Tagen gab es sogar extrem wenige. So wie es aussieht, wird die Epidemie in China zeitnah vorbei sein. Die Nachwirkungen werden jedoch noch einen längeren Zeitraum anhalten. Aufgrund des mittlerweile geringen Ansteckungsrisikos wagten wir am Sonntag einen Spaziergang. Wir hatten großartiges Wetter. Nach über vier Wochen endlich nochmal die Wohnung zu verlassen, sich in frischer, warmer Luft frei zu bewegen und den Sonnenschein im Gesicht zu spüren war einfach unheimlich wohltuend.

Dabei habe ich zum ersten Mal die zahlreichen Straßensperren gesehen, die überall aufgestellt wurden. Mit dem Auto kommt man tatsächlich keine 200 Meter weit. Die größeren Straßensperren sind jeweils mit einem Polizisten besetzt, der in einem provisorischen Zelt untergebracht ist. Dieser lässt uns vermutlich nur passieren, wenn wir einen genehmigten Ausreiseantrag vorzeigen. Auch Ortsausgänge in kleineren Seitenstraßen sind gesperrt – eigentlich sogar für Personen. Natürlich findet sich zu Fuß trotzdem ein Weg heraus. Zumindest haben wir es an einer Stelle hinaus und an einer anderen Stelle wieder hinein geschafft.

Generell sind einige Menschen auf den Straßen unterwegs oder befinden sich auf den Feldern, aber das Gesamtbild wirkt letztendlich trist und sogar ein wenig ausgestorben. Ein derart ruhiges Stadtbild kenne ich sonst eher aus Deutschland. In China ist Ruhe etwas völlig Untypisches. Zu meiner großen Freude hat Haojing beim Herumkramen im Gerümpelschrank eine Packung Kaffee gefunden. Ich war baff. Niemand wusste von diesem Kaffee, der sogar aus Deutschland zu stammen scheint. Der neue Vorrat sollte nun ausreichen, bis wir wieder nach Hause fahren dürfen. Das gestaltet die restliche Zeit ein gutes Stück einfacher.

Liebe Grüße,

Benjamin

Irgendwie muss ich die Zeit totschlagen!

Hallo,

als Erstes möchte ich verkünden, dass es absolut nichts Interessantes zu verkünden gibt. Deshalb fasse ich die Situation zunächst kurz zusammen und berichte im Anschluss, wie ich die Zeit totschlage und welche ungeahnten Widrigkeiten es dabei gibt. Wir sind nach wie vor alle gesund. Dabei meine ich nicht nur die unmittelbare Verwandtschaft, sondern auch den gesamten Bekanntenkreis. Immer wieder höre ich aus Deutschland von angeblich Millionen von Infizierten, die von den chinesischen Behörden vertuscht werden. Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, weil es meiner Alltagserfahrung völlig widerspricht.

Nach meinem letzten Beitrag kam es zu einem Sprung von knapp 15.000 Infizierten über Nacht. Dabei handelte es sich jedoch nicht um Neuinfektionen. Es wurden lediglich zusätzliche Krankenhäuser in die Statistik aufgenommen, bei deren Patienten vorher nur ein Verdacht vorlag, die definitive Bestätigung jedoch ausblieb. Der Trend der Epidemie entwickelt sich weiterhin in eine sehr positive Richtung. Dennoch wird es noch viel Zeit brauchen, bis die Neuinfektionen gänzlich abgeebbt sind. In Dayouzhen gibt es – soweit wir wissen – keine Infizierten. Mindestens 2.000 beträgt deren Anzahl hier in Chibi.

Unglücklicherweise bin ich seit Freitagmittag auf einem metaphorischen Auge blind. Die VPN verbindet selbst mit den empfohlenen Servern nicht mehr. Solche Blockierversuche sind seitens der chinesischen Regierung nicht ungewöhnlich. Im letzten Jahr durchlebte ich sie mehrfach. Ob gewollt oder nicht: Diesmal war der Zeitpunkt besonders ungünstig. Im immerwährenden Katz- und Mausspiel zwischen den hiesigen Behörden und VPN-Anbietern ist an Wochenenden meistens Pause. Somit kamen die ersten Versionsaktualisierungen erst am Montag. Diese funktionieren leider noch nicht, weswegen ich auf neue Updates warten muss.

Erwähnenswert ist außerdem, dass es letzte Woche geschneit hat. Schnee ist in der Provinz Hubei extrem selten und eigentlich hatte der Frühling bereits begonnen. Über den kurzen Wintereinbruch hatte ich mich durchaus gefreut. Da es in den Wohnungen allerdings keine Heizungen gibt, musste ich wohl oder übel ein wenig frieren. Übrigens haben wir nach wie vor mehr als genug zu Essen. Das liegt unter anderem daran, dass wir zahlreiche Lebensmittelspenden aus anderen Provinzen erhalten. Diese werden mustergültig verteilt. Wer kein Essen bekommt, kann sogar eine Hotline anrufen. Anschließend bekommt er eine Lieferung.

Da ich sowohl Buch als auch Hörbuch abgeschlossen hatte, musste ich mir eine neue Beschäftigung suchen. Obendrein trübt der VPN-Ausfall meine Situation nochmals erheblich, da ich mir nicht einmal mehr YouTube-Videos ansehen kann – und die wenigen BVB-Spiele sind als Alleinunterhalter eher dürftig. Zum Glück hatte ich auf meinem Laptop noch ein paar Computerspiele installiert. In „Roller Coaster Tycoon 2“ baute ich zwei Freizeitparks auf. Da ich dieses Spiel inzwischen ziemlich gut beherrsche, stellt es leider keine Herausforderung mehr dar. Der Weg zu einem gutlaufenden Park ist immer dergleiche.

Auf Rat eines Freundes habe ich mit einem Pokémon-Gameboyspiel angefangen, weil hierfür unheimlich viel Zeit drauf geht. In meiner Kindheit habe ich diese Spiele geliebt, weswegen mir diese Beschäftigung ein nostalgisches Gefühl bereitet. Ich besorgte mir zunächst einen Emulator für Android, also für mein Handy. Hinterher ludt ich „Pokémon Blattgrün“ (Remake der Originalversionen) herunter. Beides erforderte etwas Mühe, weil in China zahlreiche ausländische Websites ohne VPN nicht anständig funktionieren. Bislang bin ich schon über 30 Stunden durch die virtuelle Welt gelaufen und es bereitet mir immer noch Freude.

Liebe Grüße,

Benjamin

Ein Ende ist in Sicht!

Hallo,

seit meinem letzten Beitrag ist erneut nicht allzu viel geschehen – wie sollte es auch anders sein? In den zurückliegenden zwei Wochen habe ich die Wohnung kein einziges Mal verlassen. Doch es gibt ein Licht am Horizont: Unsere neuesten Infos besagen, dass die Quarantäne am 24. Februar aufgehoben wird. Natürlich ist dieses Datum nicht in Stein gemeißelt, doch es fühlt sich sehr gut an, endlich ein gewisses Ziel vor Augen zu haben. Sich die ganze Zeit in geschlossenen Räumen aufzuhalten, ist äußerst unangenehm. Es können Probleme auftreten, von denen man vorher gar nicht wusste, dass es sie wirklich geben kann.

Immer wieder tun mir die Augen weh und außerdem habe ich das Gefühl, schlechter sehen zu können. Das liegt bestimmt einerseits daran, dass es in Gebäuden verhältnismäßig dunkel ist. Andererseits müssen sich meine Linsen permanent auf kurze Distanz einstellen. Auf Dauer ist das gewiss nicht förderlich. Wenn ich auf den Balkon gehe und bewusst in die Entfernung blicke, verschwinden meine Beschwerden in kürzester Zeit. Hier muss ich irgendeinen Mittelweg finden, da ich unmöglich meine gesamte Freizeit auf dem Balkon verbringen kann. Sonderlich viel Bewegung habe ich selbstredend auch nicht.

Generell ist die Epidemie inzwischen (Gott sei Dank) auf dem absteigenden Ast. Die Zahl der Infizierten steigt wesentlich langsamer. Vor zehn Tagen waren es noch über 20 Prozent pro Tag. Vergangene Woche sank dieser Wert kontinuierlich und liegt am heutigen Mittwoch bei nur noch vier Prozent. Von exponentiellem Wachstum kann also keine Rede mehr sein. Der Rückgang der Neuinfektionen ist sogar schon in Absolutzahlen zu erkennen. Imselben Zeitraum sank jener Wert von über 3.000 auf etwa 1.500. Die Quarantäne zeigt also tatsächlich Wirkung. Trotzdem wird es noch dauern, bis die Epidemie gänzlich abgeklungen ist.

Wenn wir zurück nach Dayouzhen fahren, werden wir vermutlich nicht ohne Weiteres in den Ort hineingelassen. Allem Anschein nach müssen wir dort erneut für mindestens zwei Wochen in Quarantäne. Es wäre toll, wenn wir diese Zeit in unserer Wohnung verbringen könnten – und nicht in irgendeinem Zelt am Ortseingang. Das möchten wir natürlich vorab regeln. Haojing versucht bereits, die nötigen Formalitäten zu klären. Ich kann momentan nicht genau sagen, wie es für uns weitergeht oder wann wir uns auf den Weg nach Hause machen können. Vermutlich werden wir aber am Wochenende nach dem 24. Februar losfahren.

Mir ist nach wie vor ziemlich langweilig. Morgens stehe ich in der Regel irgendwann zwischen neun und zehn Uhr auf und lade mir die neuesten YouTube-Videos herunter. Mal hat man Glück und es sind einige interessante Beiträge vorhanden, mal hat man Pech und man muss sich mit weniger begnügen. Gegen zwölf Uhr gibt es Mittagessen. Danach ruhe ich mich entweder aus oder spiele zusammen mit der Familie ein paar Runden Majong. Von 15 bis 20 Uhr arbeite ich. Im Anschluss gibt es Abendessen. Danach wird meistens wieder gemeinsam Majong gespielt und hinterher schauen sich Haojing und ich noch eine Serie an.

Auf diese Weise verläuft ungefähr jeder Tag. Bislang hatte ich noch den zweiten Teil der Trisolaris-Reihe „Der Dunkle Wald“ gelesen und den dritten Teil „Jenseits der Zeit“ als Hörbuch gehört. Leider bin ich damit inzwischen fertig. Die Trilogie empfehle ich jedem, der Science Ficiton mag und sich für Technik und Wissenschaft interessiert. Vielleicht fange ich in den nächsten Tagen mit einem Computerspiel an. Ich habe wieder Lust darauf, in „Roller Coaster Tycoon 2“ einen eigenen Freizeitpark aufzubauen. Zu meinem Glück ist dieser Klassiker noch auf dem Laptop installiert, den wir nach Chibi mitgenommen haben.

Liebe Grüße,

Benjamin

Und der Kaffee ging zur Neige…

Hallo,

an unserer Situation hat sich innerhalb der letzten Woche nichts verändert. Chibi steht weiterhin unter Quarantäne. Haojing und ich sitzen also nach wie vor in der Wohnung meiner Schwiegereltern fest. Als wir in Haojings Heimatstadt ankamen, hatten wir zunächst Besuch von einer Cousine aus Wuhan. Einen Tag später waren wir in einem völlig überfüllten Einkaufszentrum. Diese beiden Gelegenheiten, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, liegen nun mehr als zwei Wochen zurück – und wir sind gesund. Seit dem hatten wir nur wenig Kontakt mit der Außenwelt, weswegen wir uns mit großer Wahrscheinlichkeit nicht angesteckt haben.

Die anfängliche Ausgangssperre, an die sich sowieso niemand wirklich gehalten hatte, wurde inzwischen aufgelockert. Es wird nun dringlich empfohlen, seine Wohnung nicht unnötigerweise zu verlassen. Irgendwie muss man schließlich an Lebensmittel kommen oder den Müll rausbringen. Alle Geschäfte und Märkte sind zwar geschlossen, doch in jeder Straße gibt es einen Stand, an dem die Leute das Nötigste kaufen können. Die Lage ist erträglich, nur äußerst langweilig. Einen Erkrankten habe ich bislang noch nicht gesehen. Auch in unserer Familie oder im Bekanntenkreis ist niemand direkt vom Virus betroffen.

Generell habe ich wenig Angst. Die psychische Belastung, nicht gehen zu dürfen, wiegt allerdings weit schwerer als gedacht. Obwohl ich genau weiß, dass die Quarantäne das einzig Richtige bei einer drohenden Pandemie ist, fühle ich mich zu Unrecht eingesperrt. Ich würde wirklich gerne nach Hause fahren. Natürlich ist das nicht möglich, da bereits am Ende des Vororts Sperren aufgestellt wurden. Darüber hinaus sind die Autobahnen und zahlreiche weitere Straßen geschlossen. Ich muss einfach ruhig bleiben und rational denken, dann ist es nicht so schlimm. Auch diese unangenehme Zeit wird vorübergehen.

Eigentlich habe ich kaum etwas zu berichten. In der zurückliegenden Woche hatte die Frau des sechsten Onkels Geburtstag. Also spazierte die gesamte Familie, mit Atemschutzmasken ausgestattet, zur etwa 300 Meter entfernten Wohnung, in der wir bereits regelmäßig zum Frühlingsfest waren. Es gab das übliche Feiertagsessen und zusätzlich noch eine gekaufte Geburtstagstorte. In China ist es unüblich, einen Kuchen oder eine Torte selbstzumachen. Das ist auch der Grund, aus dem meine liebe Frau nicht backen kann. Zum Essen mussten die Männer natürlich wieder hochprozentigen Reisschnaps trinken.

Mittlerweile habe ich mich echt an dessen Geschmack gewöhnt. Man könnte sogar sagen, dass ich gerne chinesischen Reisschnaps trinke. Vor allem vertrage ich ihn gut. Selbst beim Konsum größerer Mengen fällt der Kater eher mild aus. Bei Bier, Viez oder Wein sieht das ganz anders aus. Da nun sämtliche Feierlichkeiten vorerst vorbei sind, lebe ich aber wieder abstinent. Auf dem Rückweg sind wir am hiesigen Krankenhaus vorbeigegangen. Davor saßen zwei Sanitäter in Schutzanzügen, die sich offensichtlich langweilten. Das legt den Schluss nahe, dass es nicht allzu viele Coronavirusfälle in unserer Nähe gibt.

Die Quarantäne verursacht zahllose minder schlimme Probleme. Wir waren eigentlich nur auf einen maximal zehntägigen Besuch eingestellt und haben dementsprechend gepackt. Einige Dinge gehen uns langsam aus. Seit ein paar Tagen haben wir keinen Kaffee mehr, weswegen ich am Wochenende tatsächlich einen leichten Entzug durchmachen musste. Mich plagten Kopfschmerzen, Krämpfe in den Oberschenkeln, ich war abgeschlagen und gereizt. Inzwischen ist das aber überwunden. Das Wetter ist recht schön. Es ist deutlich wärmer als letztes Jahr. Wenn die Sonne scheint, können wir uns sogar ohne Jacke auf den Balkon stellen.

Liebe Grüße,

Benjamin

Unser neues Jahr beginnt mit Quarantäne!

Hallo,

innerhalb der letzten Woche hat sich unsere Situation schlagartig verschlechtert. Am Freitag wurde die Quarantänezone von Wuhan auf einige umliegende Städte ausgeweitet. Leider gehört Chibi auch dazu. Wir sitzen hier nun auf unbestimmte Zeit – vermutlich mehrere Wochen – fest. Darüber hinaus wurde eine Ausgangssperre verhängt, an die sich aber nur sporadisch gehalten wird. Die meiste Zeit über verbringe ich nun in der Wohnung meiner Schwiegereltern und langweile mich. Außerdem werde ich tagtäglich dazu genötigt, Majong mitzuspielen. Da hierfür zwingend vier Spieler gebraucht werden, habe ich kaum eine andere Wahl.

Natürlich sind die letzten Zeilen mit einem zwinkernden Auge zu verstehen, doch unsere Situation ist tatsächlich äußerst unangenehm. Da in Wuhan die Zahl der Coronaviruserkrankungen exponentiell angestiegen ist, ergreifen die Behörden drastische Maßnahmen. Zwar verläuft die Erkrankung bei jungen, gesunden Menschen in der Regel nicht tödlich, doch dafür ist sie scheinbar hochansteckend. In den letzten Tagen hatten wir mehrfach Kontakt mit Personen, die vorher in Wuhan waren. Allerdings gibt es in unserem direkten Umfeld meines Wissens noch keine Erkrankten. Ich rechne also nicht mit einer Ansteckung.

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Meiner Meinung nach haben Panikaktionen die Lage in Wuhan stark verschlimmert. Jeder mit Erkältungssymptomen, wie sie zu dieser Jahreszeit nicht unüblig sind, rannte in ein überfülltes Krankenhaus, wo er sich dann tatsächlich mit dem Coronavirus ansteckte. Ich hoffe, dass die Quarantänemaßnahmen die Verbreitung schnellstmöglich verhindern, so dass wir bald wieder nach Hause fahren können. Unser eigentlicher Reiseplan sah vor, dass wir am heutigen Mittwoch wieder in Dayouzhen ankommen würden. Stattdessen sitzen wir mit wenig Kleidung und sonstigen Utensilien bei Haojings Familie fest. Es gibt trotzdem Schlimmeres.

Letzte Woche besichtigten wir unsere Baustelle. Die erste Etage des Rohbaus wurde bereits fertiggestellt. Leider ist nichts aus meinem Plan, das Haus mit einer ordentlichen Isolierung auszustatten, geworden. Der Onkel meiner Frau, der ein Bauunternehmen leitet, konnte den Aufbau nur mit chinesischen Backsteinen durchführen. Trotzdem ist es beeindruckend, wie schnell alles vonstattengeht. Es gibt noch ein paar organisatorische Probleme. Obwohl wir eine Umbaugenehmigung haben, verlangt irgendein Typ (möglicherweise so etwas wie ein Ortsvorsteher) noch eine zusätzliche Genehmigung.

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Im weiteren Verlauf der Woche besuchten wir, bereits mit Atemschutzmasken ausgestattet, wieder das Kloster der buddhistischen Nonne, mit der Haojings Mutter befreundet ist. Dort halfen wir zunächst fleißig beim Schmücken anlässlich des Frühlingsfestes. Später wurde noch irgendein Ritual durchgeführt, an dem ich auch teilnehmen durfte. Dabei sagte die Nonne irgendwelche Psalme auf und die Menge, die auf Sitzkissen saß, sprach diese mit großer Ausdauer nach. Zwischendurch wurde auch ab und zu aus mir unerfindlichen Gründen in die Hände geklatscht. Insgesamt erinnerte mich diese Zeremonie an eine kirchlische Andacht.

Das Frühlingsfest stand diesmal ganz im Schatten der Viruserkrankung. Wir besuchten den sechsten Onkel und seine Frau, die sowohl am letzten als auch am ersten Tag des Jahres je dreimal zum Essen einluden. Dabei trank ich erneut eine nicht zu vernachlässigende Menge 52-prozentigen Reisschnaps. Bereits zum Frühstück mussten 150 bis 200 Milliliter bezwungen werden – zu jeder Mahlzeit selbstverständlich erneut. Die Gräbersegnung fiel dieses Jahr jedoch wegen der Ansteckungsgefahr kurz und knapp aus. Überdies mussten wir wieder drei Nächte unter Beleuchtung schlafen. Diesmal habe ich sie aber heimlich ausgeschaltet.

Liebe Grüße,

Benjamin