Hallo,
da es in China die Norm ist, dass der Ehemann seine Gemahlin während der Hochzeit vom Elternhaus abholt, um sie anschließend mit nach Hause zu nehmen, musste ich am Samstag wieder ausziehen. Hierzu hatte Haojing mir ein Zimmer im selben Hotel gebucht, in dem auch meine Eltern und unsere Dolmetscherin Mingmin untergebracht waren. Ich muss zugeben, dass ich den Luxus eines warmen Zimmers, eines weichen Bettes und einer in Deutschland üblichen Toilette doch sehr vermisst hatte. Dennoch konnte ich die Nacht vor dem großen Tag nicht gut einschlafen. Unterbewusst war ich offenbar nervös.
Am Sonntag wurden meine Eltern, Mingmin und ich von einem Verwandten abgeholt und zum Restaurant gefahren, in dem später auch unser Hochzeitsessen stattfinden sollte. Zunächst mussten wir insgesamt fünf Fahrzeuge schmücken, mit denen wir danach in einem kleinen Autokorso zu Hoajings Elternhaus fuhren. Als wir da waren, musste ich versuchen, ins Haus zu gelangen. An der Eingangstür hing ein Zettel mit zehn Fragen, die ich beantworten musste. Die meisten waren ziemlich einfach. Ich kannte sowohl Hojings Schuhgröße als auch ihren Lieblingsfilm und wusste ebenfalls, wie ich sie am besten aufmuntern kann.

Leider wollte Haojings Bruder, der die ganze Aktion quasi moderierte, es mir nicht ganz so einfach machen und attestierte mir fälschlicherweise fünf falsche Antworten, weswegen ich ihm ebenso viele Umschläge mit Geld aushändigen musste, um die erste Hürde passieren zu dürfen. Als nächstes stand ich vor Haojings verschlossener Zimmetür. Um dort hindurchzugehen, musste ich ein chinesisches Gedicht aufsagen. Dieser Vorgang sorgte für reichlich Gelächter. Diesmal musste ich vollkommen zurecht weitere Umschläge an den Bruder der Braut aushändigen, denn mein Chinesisch ist wirklich sehr miserabel.
Die Tür wurde von einer Freundin meiner Frau geöffnet. Haojing saß in einem wunderschönen Kleid auf dem Bett und strahlte mich an, als sie mich sah. Leider musste ich noch eine Aufgabe erledigen, die mir ausgesprochen peinlich war. Ich musste einen Show-Tanz vorführen. Dazu muss man wissen, dass ich extrem unmusikalisch und nicht im geringsten für eine solche Einlage geeignet bin. Hiervon gibt es auch eine Videoaufnahme, deren Existenz ich bei zukünftigen Anfragen beharrlich leugnen werde. Nach dem peinlichen Auftritt musste ich nur noch einen Blumenstrauß binden und Haojing aus der Wohnung tragen.
Dann sind wir zurück ins Restaurant gefahren, wo zunächst Fotos gemacht wurden. Nun gab es ein paar Reden. Ich habe ebenfalls etwas in chinesischer Sprache vorgetragen, was aber leider fast niemand verstanden hat. Im großen Saal saßen schätzungsweise etwa 100 Gäste an mehreren Tischen. Nach dem kurzen Programm gab es unser Hochzeitsessen. Meine Eltern, Schwiegereltern und ich mussten mit sämtlichen männlichen Gästen Reisschnaps trinken. Hinterher kam die klassische Teezeremonie, in der Haojing meinen Eltern und ich meinen Schwiegereltern Tee einschenkten. Danach waren wir offiziell verheiratet.
Am Folgetag haben wir uns ein wenig entspannt. Da Haojing nun nicht mehr zu ihren Eltern, sondern zu meinen Eltern gehört, verbrachten wir einen angenehmen Tag zu viert. Wir spielten Billard. Meine Frau und ich gewannen in einem episch schlechten Spiel denkbar knapp gegen die beiden anderen. Darüber hinaus besuchten wir einen Outdoor-Wellness-Bereich mit heißen Quellen. Es gab auch zwei Saunas, deren Temperatur aber derart niedrig war, dass man eher gefroren als geschwitzt hat. Am Dienstag machten wir uns auf den Weg nach Shanghai. Auf dem Flughafen propierten wir noch eine Karaoke-Box aus.
Liebe Grüße,
Benjamin

