Hallo,
in einem zurückliegenden Beitrag schrieb ich, dass die Quarantäne am 24. Februar eventuell aufgehoben würde. Das hat sich leider nur teilweise bewahrheitet. Wir können uns nach wie vor nicht ohne Weiteres auf den Heimweg begeben, doch immerhin konnten wir einen wichtigen Grundstein für unsere Rückreise legen. Inzwischen ist es möglich, einen Antrag auf Ausreise zu stellen, was wir natürlich sofort gemacht haben. Sollte dieser genehmigt werden, dürfen wir die Quarantänezone verlassen. Die Chancen hierzu stehen gar nicht so schlecht. Haojing übt eine wichtige Tätigkeit im Bereich der Landwirtschaft aus.
Dass die Lebensmittelversorgung in China aktuell höchste Priorität genießt, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Allerdings reicht eine Ausreisegenehmigung nicht aus. Der Verwaltungskreis, in dem wir wohnhaft sind, lässt momentan nämlich niemanden ohne entsprechende Genehmigung einreisen. Ergo müssen wir noch einen zweiten Antrag einreichen, der natürlich ebenso bewilligt werden muss. Nach erfolgreicher Rückkehr werden wir schließlich erneut für zwei Wochen isoliert. Ich hoffe inständig, dass wir diesen Zeitraum in unserer Wohnung verbringen dürfen. Alle anderen Möglichkeiten wären wirklich sehr unangenehm.
Letzten Mittwoch – kurz nachdem ich meinen Beitrag veröffentlicht hatte – bekam ich Kopfschmerzen und mir wurde übel. Ich musste einige Stunden bei Dunkelheit und Stille im Bett liegen, dann wurde es besser. Ich weiß nicht genau, was mir fehlte. Es war für eine kurze Zeit sehr unangenehm, wurde aber schnell besser. Möglicherweise handelte es sich um Migräne. Normalerweise habe ich keine Probleme damit, aber meine gegenwärtige Situation ist schließlich auch nicht normal. Richtig gesund fühle ich mich erst wieder seit dem Wochenende. Kein anderer aus der Familie wurde krank. Der Coronavirus war das sicherlich nicht.
Während die täglichen Neuinfektionen im Rest der Welt stetig steigen, gehen sie hierzulande weiterhin zurück. In den letzten beiden Tagen gab es sogar extrem wenige. So wie es aussieht, wird die Epidemie in China zeitnah vorbei sein. Die Nachwirkungen werden jedoch noch einen längeren Zeitraum anhalten. Aufgrund des mittlerweile geringen Ansteckungsrisikos wagten wir am Sonntag einen Spaziergang. Wir hatten großartiges Wetter. Nach über vier Wochen endlich nochmal die Wohnung zu verlassen, sich in frischer, warmer Luft frei zu bewegen und den Sonnenschein im Gesicht zu spüren war einfach unheimlich wohltuend.
Dabei habe ich zum ersten Mal die zahlreichen Straßensperren gesehen, die überall aufgestellt wurden. Mit dem Auto kommt man tatsächlich keine 200 Meter weit. Die größeren Straßensperren sind jeweils mit einem Polizisten besetzt, der in einem provisorischen Zelt untergebracht ist. Dieser lässt uns vermutlich nur passieren, wenn wir einen genehmigten Ausreiseantrag vorzeigen. Auch Ortsausgänge in kleineren Seitenstraßen sind gesperrt – eigentlich sogar für Personen. Natürlich findet sich zu Fuß trotzdem ein Weg heraus. Zumindest haben wir es an einer Stelle hinaus und an einer anderen Stelle wieder hinein geschafft.
Generell sind einige Menschen auf den Straßen unterwegs oder befinden sich auf den Feldern, aber das Gesamtbild wirkt letztendlich trist und sogar ein wenig ausgestorben. Ein derart ruhiges Stadtbild kenne ich sonst eher aus Deutschland. In China ist Ruhe etwas völlig Untypisches. Zu meiner großen Freude hat Haojing beim Herumkramen im Gerümpelschrank eine Packung Kaffee gefunden. Ich war baff. Niemand wusste von diesem Kaffee, der sogar aus Deutschland zu stammen scheint. Der neue Vorrat sollte nun ausreichen, bis wir wieder nach Hause fahren dürfen. Das gestaltet die restliche Zeit ein gutes Stück einfacher.
Liebe Grüße,
Benjamin
