Sollte ich mich impfen lassen?

Hallo,

ich habe wieder ein paar ereignisreiche Tage hinter mir. Die vergangene Woche endete zwar mehr oder weniger unspektakulär, doch am Wochenende gab es dafür umso mehr Beschäftigung. Haojing und ich hatten geplant, nachmittags nach Xiangshui zu fahren, um dort bei einem Japaner zu dinieren. Wir beide gehen unheimlich gerne auswärts essen. Dabei fällt unsere Wahl des Öfteren auf teure Restaurants. Weil wir im Verhältnis zur hiesigen Bevölkerung relativ wohlhabend sind, können wir uns das durchaus leisten. Sobald wir wieder in Deutschland leben, werden wir diesen Luxus wohl oder übel ein wenig zurückfahren müssen.

Wir reisten nicht ohne Grund schon am Nachmittag in die Kreishauptstadt. Vor dem Abendessen wollten wir uns über meine Impfmöglichkeiten informieren. Für Chinesen ist eine Covid-19-Impfung freiwillig und kostenlos. In unserem Heimatort wusste man nicht, inwiefern das auch für Ausländer gilt. Nachdem wir in Xiangshui zweimal das falsche Krankenhaus angesteuert hatten, landeten wir endlich beim richtigen. Dort konnte man uns ebenfalls nicht auf Anhieb sagen, ob ich mich in China impfen lassen kann. Nach kurzer Recherche gab man uns jedoch positives Feedback. Ich darf mich also demnächst impfen lassen.

Eigentlich lehne ich die Schutzimpfung ab. Allerdings sehe ich es kommen, dass ich in Deutschland, sollte ich mich nicht impfen lassen, zunehmend mehr Einschränkungen auferlegt bekommen werde. Da ich mir unter keinen Umständen den neuartigen RNA-Impfstoff geben lassen will, habe ich jetzt die einmalige Gelegenheit, mir ein klassisches Vakzin (inaktiviertes Virus) spritzen zu lassen. Dieses basiert auf einem altbekannten Mechanismus, weswegen ich ein deutlich kleineres Langzeitrisiko sehe. Eine endgültige Entscheidung habe ich allerdings noch nicht getroffen, denn im Grunde will ich nicht Teil dieser Diskriminierungsaktion sein.

Das Restaurant war nicht einfach zu finden, weil die Straße eine einzige Baustelle war. Ehrlichgesagt wunderte ich mich darüber, dass es überhaupt geöffnet hatte. Einrichtung und Stil wirkten typisch japanisch. Erfreulicherweise war es sehr sauber. Noch mehr freute ich mich über die Getränkekarte, denn es wurde auch japanisches Bier serviert. Die Sorte hatte einen Alkoholgehalt von fünf Prozent und schmeckte wahrhaftig nach Bier. Bestellt hatten wir uns jede Menge Sushi, aber auch Sashimi, Fisch, Fleisch, Leber und Salat. Ich aß, bis ich Bauschmerzen bekam und darüber hinaus. Meine fantastische Frau und ich lieben japanisches Essen.

Nachdem wir schlussendlich bezahlt und den Laden verlassen hatten, gingen wir noch ein paar langsame Schritte spazieren. Schnelle Schritte wären in Anbetracht unserer Völle wohl nicht möglich gewesen. Beim Herumschlendern statteten wir noch ein paar Geschäften einen Besuch ab. Anschließend fuhren wir hochzufrieden nach Hause. Mein Sonntag war ebenfalls mit einigen Aktivitäten gefüllt. Erneut musste ich Babywäsche per Hand waschen und zum Trocknen aufhängen, was immer viel Zeit in Anspruch nimmt. Vermutlich werde ich noch zwei weitere Wochenenden benötigen, bis ich mit allem fertig bin. Was tut man nicht alles?

Am frühen Abend ging ich Tischtennis spielen. Dabei wurde ich von Mingmin begleitet, die von nun an regelmäßig mitkommen möchte. Ich soll sie trainieren. Mein Fokus wird trotzdem auf meinem eigenen Training mit den Vereinskollegen liegen, weil es mir überhaupt keinen Spaß macht, mit Anfängern zu spielen. Nach dem Training lud uns Mingmin zum Essen ein, weil sie unter der Woche Geburtstag hatte. Zum Glück waren keine Männer anwesend. Ich musste also keinen Alkohol trinken. Das Essen fand ich jedoch weniger gut. Hätte Haojing bestellt, wäre dabei sicherlich eine ausreichend große Menge and echten Köstlichkeiten herausgekommen.

Liebe Grüße,

Benjamin

Ich habe wieder eine echte Frisur!

Hallo,

die Zeit vergeht aus meiner Perspektive recht schnell. Wir befinden uns bereits mitten im März, obwohl ich doch eigentlich gerade erst wieder in China angekommen bin. Im August wird es für uns bereits wieder zurück nach Deutschland gehen, sofern alles nach Plan verläuft. Natürlich kann an dieser Front noch einiges schiefgehen. Ich glaube nicht, dass die Pandemie dann noch ein größeres Problem darstellen wird. Jedoch besteht das ernstzunehmende Risiko, dass Frau und Kind nicht rechtzeitig ein Visum ausgestellt bekommen. Darum können wir uns frühestens gegen Ende Mai kümmern. Zwei Monate Bearbeitungszeit reichen hoffentlich aus.

Falls nicht, muss ich meinen Rückflug leider verschieben. Das gefällt mir zwar nicht, weil es wohl mit unnötigen Kosten verbunden wäre, aber ich werde Haojing diese Reise unter keinen Umständen allein mit dem Nachwuchs antreten lassen. Der Gedanke, ab Sommer wieder dauerhaft in Deutschland zu leben, gefällt mir aktuell überhaupt nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, hier noch nicht fertig zu sein. Außerdem mag ich den Alltag in China jeden Tag ein Stückchen mehr. Anfangs hatte ich die Einstellung, drei Jahre lang durchhalten zu müssen. Das hat sich inzwischen komplett gewandelt und ich genieße unser gemeinsames Leben in vollen Zügen.

Ich kann nicht genau sagen, was diese Änderung bewirkt hat. Hier könnte mein letzter Heimaturlaub mit reinspielen, der mich sprichwörtlich aus allen Wolken hat fallen lassen. Jedenfalls wurde meine innere Abneigung gegenüber einigen Aspekten in der deutschen Gesellschaft wohlgenährt. Vielleicht habe ich mich auch einfach an das Leben in China gewöhnt. Früher bereitete mir so manche kulturelle Gepflogenheit regelrecht Kopfschmerzen, was jetzt nicht mehr so ist. Hinzu kommt, dass mein Leben momentan unheimlich einfach ist. Ich arbeite von zu Hause aus – und zwar nicht viel – und habe mehr als genug Freizeit, die ich ausgiebig nutzen kann.

Ich bereue ein bisschen, dass Haojing und ihr fetter Anhang* in der Vergangenheit recht wenig unternommen haben. Das lag einerseits daran, dass sie im Gegensatz zu mir oft viel Arbeit hatte. Andererseits war ich meistens unflexibel und wollte nicht wirklich aus meinem Alltagstrott ausbrechen. Es ist nie zu spät. Wir werden die kommenden Monate definitiv auskosten. Ich war seit meiner ersten Negativerfahrung Anfang 2019 nicht mehr in China beim Friseur. Letzten Samstag ließ ich mich allerdings von meiner Frau zu einem neuerlichen Versuch überreden. Zum Glück war ich diesmal mit dem Ergebnis zufrieden, aber alles der Reihe nach.

Haojings Anweisung an den Friseur war eigentlich nur, mir eine supercoole Frisur zu machen. Ich war zwar etwas skeptisch, doch selbstverständlich ließ ich mich drauf ein. Zunächst wurden mir die Haare gewaschen. Anschließend begab ich mich auf einen handelsüblichen Friseur-Stuhl, wie man ihn auch in Deutschland vorfindet. Der Kerl arbeitete mit sehr viel Detailversessenheit und stutzte die Haare mühevoll mit diversen Scheren. Eine Haarschneidemaschine kam erst am Ende (spärlich) zum Einsatz. Die Prozedur dauerte ungefähr eine Stunde und kostete umgerechnet lächerliche zwei Euro. Dienstleistungen sind hierzulande unheimlich günstig.

Danach fuhr ich mit dem Auto zur Halle und spielte Tischtennis. Im Anschluss gingen meine Frau und ich zur Massage, wo wir uns so richtig durchkneten ließen. Auch diese Dienstleistung war fast unverschämt billig. Hinterher schlenderten wir zum nächsten Barbecue-Laden und bestellten uns jede Menge Fleisch und Gemüse. Um den Abend abzurunden, trank ich dabei noch ein kühles Bier. Im Supermarkt gegenüber fand ich sogar eine Sorte mit einem Alkoholgehalt von sage und schreibe vier Prozent. Sonntags probierte ich (ausnahmsweise) ein Gebäck aus, das man am besten mit „chinesischem Pizzabrot“ umschreiben könnte. Es war sehr lecker.

Liebe Grüße,

Benjamin

*Der fette Anhang bin ich, nicht der Babybauch meiner Frau.

Ich habe unbekanntes Terrain erkundet!

Hallo,

nach unserem wilden Kino-Wochenende stand erst einmal der ganz normale Alltag auf der Tagesagenda. Das heißt, dass ich morgens gegen neun Uhr aufstehe, meinen Kaffee trinke und bis zum Mittagessen faul auf dem Sofa herumliege. In China kann ich mir diesen Luxus durchaus leisten, da ich wegen des Zeitunterschieds zu Europa erst ab 15 Uhr arbeiten muss. In der Regel gehe ich vor Arbeitsbeginn eine große Runde mit etwa 7.000 Schritten spazieren. Das mache ich jeden Tag, weswegen ich mittlerweile nahezu alle infrage kommenden Strecken kenne. Doch in der vergangenen Woche wagte ich den Aufbruch zu neuen Ufern.

So weit wie an jenem Donnerstag entfernte ich mich zu Fuß tatsächlich noch nie von unserem zu Hause. Dabei hatte ich keine Angst, dass ich mich verlaufen könnte. Unsere Heimatregion ist absolut flach, so dass man markante Objekte (z.B. Windräder) noch aus vielen Kilometern gut erkennen kann. Darüber hinaus verfüge ich glücklicherweise von Natur aus über einen relativ gut funktionierenden Orientierungssinn, vor allem in Bezug auf Himmelsrichtungen. Wenn man zwischen den Feldern unterwegs ist, besteht aber die reale Gefahr, dass man durch einen der zahlreichen Bewässerungskanäle vom direkten Rückweg abgeschnitten wird.

Von derlei Kanälen sind die hiesigen Felder regelrecht durchzogen. Demgegenüber sind Brücken Mangelware. Wenn ein Kanal also so breit ist, dass man nicht drüberspringen kann, muss man wohl oder übel die nächstgelegene Überquerungsmöglichkeit suchen. Bei meinem Erkundungsausflug mussten hierfür ein paar Rohre herhalten. Ich stieß auf eine zauberhafte Gegend mit einigen alten Bauernhäusern in romantisch anmutendem Ambiente. Ich bin noch immer sehr überrascht, wie idyllisch so manches Fleckchen um Dayouzhen doch sein kann. Die Schönheit und Weite der Landschaft kommen auf den Bildern gar nicht richtig zur Geltung.

Dieser Spaziergang kostete mich knapp zwei Stunden, weswegen ich wohl zirka 12.000 Schritte ging. Dieselbe Route würde ich nochmal gerne zusammen mit meiner lieben Frau gehen, doch in Anbetracht der aktuellen Umstände ist das wohl etwas zu viel für sie. Außerdem möchte ich mich mit Haojing ungern so weit von unserer Wohnung entfernen. Im weiteren Verlauf der Woche habe ich meine handwerklichen Fähigkeiten unter Beweis gestellt und einige Dinge für die bevorstehende Veränderung in unserem Leben aufgebaut. Ebenfalls unter Beweis gestellt habe ich meine waschweiberischen Fähigkeiten, die ganz grandios sind.

Hierfür musste ich eine Tonne fabrikneue Babykleidung in einer Babybadewanne von Hand waschen und trocknen. Das machte mir zwar keinen Spaß, aber immerhin war Haojing zufrieden. Happy Wife – Happy Life. In den zurückliegenden Tagen schauten wir uns abends mehrfach Filme im Schlafzimmer an. Normalerweise nutzen wir hierfür den Fernseher im Wohnzimmer. Diesmal hatten wir allerdings Lust auf Kino-Feeling, weswegen wir unseren Beamer nach langer Pause endlich wieder in Betrieb genommen haben. Bislang haben wir uns „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ und „Die Verurteilten“ angesehen – bald folgt „Hangover 2“.

Am Sonntagabend luden Haojing und ich zum Essen ein, um uns bei den Freunden und Bekannten zu bedanken, die meine Frau in meiner Abwesenheit unterstützt haben. Die Speisen waren typisch chinesisch. Diesmal war ich das gastgebende Familienoberhaupt, weswegen ich mich um die alkoholische Bewirtung der Gäste kümmern und natürlich die Ansprache vor dem Essen halten musste. Wir waren eine lustige Runde, auf die ich gerne zurückblicke. Es haben sogar zwei Damen mitgetrunken, was hierzulande recht unüblich ist. Am Ende hatte ich leider etwas zu viel intus, weswegen die Nacht und der Montagvormittag mehr oder weniger unangenehm waren.

Liebe Grüße,

Benjamin

Endlich war ich wieder im Kino!

Hallo,

Haojing und meine Wenigkeit hatten einen positiven Start ins Jahr des Büffels. Die Feierlichkeiten sind zwar noch nicht vollständig vorüber, doch die meisten Menschen haben ihre Familien bereits verlassen. Das bedeutet leider, dass die Zahl der jungen, attraktiven Frauen in Dayouzhen wieder drastisch zurückgegangen ist. Man sollte sich dessen bewusst sein, dass wir hier im wohl ländlichsten Teil der Jiangsu-Provinz leben, wo es nahezu nichts gibt. Sobald junge Menschen mit 18 Jahren die Schule verlassen, gehen sie zwecks Studium in irgendeine Großstadt. Nur an den wichtigen Feiertagen besuchen sie ihre Familien.

In meinen Alltag ist inzwischen wieder die gewohnte Routine eingezogen. Am Morgen stehe ich gegen neun Uhr auf, trinke drei Tässchen Kaffee und schaue mir die Youtube-Videos vom Vortag an. Mittags gibt es eine großzügige Portion Spiegelei mit Tomaten, danach trinke ich nochmal ein bisschen Kaffee. Im Anschluss gehe ich eine große Runde spazieren – und zwar bei jedem Wetter. Dabei werde ich mittlerweile sogar öfters von meiner bezaubernden Frau begleitet, die ebenfalls auf 10.000 Schritte pro Tag kommen will. In dieser Sache sind wir beide jedoch nicht extrem penibel. Eine Schrittzähler-App verwende ich nicht mehr.

Da ich ein solches Progrämmchen für eine gewisse Zeit benutzte, weiß ich in etwa, wie groß die Routen sind, die ich mir für die täglichen Spaziergänge aussuche. Um 15 Uhr beginnt meine Arbeit. Jeden Dienstag und Donnerstag darf ich eine ausgedehnte Pause machen, um Tischtennis zu spielen. Abendessen gibt es nach Feierabend. Am liebsten esse ich momentan Schweinefleisch mit Kürbis. An den Wochenenden fällt meine Arbeit zwar aus, am Tagesablauf ändert das trotzdem recht wenig. Haojing und ich haben uns allerdings vorgenommen, in Zukunft öfters mal an einem Samstag oder Sonntag einen kleinen Ausflug zu machen.

So auch am vergangenen Wochenende: Nach dem Mittagessen fuhren wir in die nächste Stadt. Binhai liegt ungefähr 30 Autominuten von uns entfernt. Die Stadt hat offiziell eine Million Einwohner, doch wie ich in meinem Blog bereits mehrfach erwähnte, sollte man diese Zahl nicht für voll nehmen, denn hier werden alle Menschen, die im ganzen Kreis leben, zusammengefasst. Das ist hier nun mal die Norm. Das eigentlich städtische Gebiet hat – meiner Einschätzung nach – vielleicht 300.000 Einwohner. Unser erstes Ziel war ein bekannter Park, wo wir an diesem Tag unseren gemeinsamen Spaziergang absolvieren wollten.

Das Wetter am Samstag war wirklich schön, es fühlte sich regelrecht nach Frühling an. Dementsprechend voll waren Park und Parkplatz. Eintritt mussten wir keinen zahlen. Wie in China üblich, war die Anlage sauber und perfekt gepflegt. Dort gab es zahlreiche Spielangebote für Kinder, die reichlich genutzt wurden. Haojing und ich schlenderten eine Runde durch den Park und genossen ein Eis im wärmenden Sonnenschein. Dann machten wir uns auf den Weg zum Kino. Da wir noch etwas Luft hatten, besuchten wir davor einen nahegelegenen Supermarkt, um uns mit Proviant für den Hongkong-Film „Endgame“ einzudecken.

Hierzulande ist es überhaupt kein Problem, seine eigene Verpflegung in den Kinosaal mitzunehmen. Anders als wir erwarteten, hatte die Schwarze Komödie leider keinen englischen Untertitel. Die Story war allerdings selbsterklärend und wir beide mussten nicht nur einmal herzlichst lachen. Hinterher fuhren wir noch in ein gutes chinesisches Restaurant, wo wir uns (wiedermal) so richtig die Bäuche vollschlugen. Zuerst wählten wir uns, mit einer eifrigen Restaurant-Mitarbeiterin im Schlepptau, unser Essen aus. Danach setzten wir uns an einen Tisch, wohin schließlich auch die Speisen nach und nach serviert wurden. Wir beide haben den Tag sehr genossen.

Liebe Grüße,

Benjamin

Das Jahr des Büffels hat begonnen!

Hallo,

am Ende des letzten Beitrags erwähnte ich kurz und knapp, dass das Frühlingsfest vor der Tür stünde und wir in diesem Jahr in unserer Wohnung in Dayou bleiben würden. Die wichtigsten Feiertage, die man mit der Weihnachts- respektive Silvesterzeit bei uns vergleichen kann, sind inzwischen vorbei und das Jahr des Büffels hat begonnen. Das Frühlingsfest ist vielen Deutschen unter der Bezeichnung „Chinesisches Neujahrsfest“ bekannt. Hierfür wird allerdings der Mondkalender verwendet, weswegen die Festtage stets auf ein anderes Datum im Sonnenkalender fallen – ähnlich wie Ostern in unserer abendländischen Kultur.

Diesmal nahmen wir die stressreiche Reise nach Chibi, wo wir letztes Jahr aus wohl bekannten Gründen mehr als zwei Monate festsaßen, nicht auf uns. Weil meine liebe Schwiegermutter momentan sowieso bei uns lebt, war das kein Beinbruch. Dennoch vermisse ich diese neue Tradition irgendwie ein bisschen. Am letzten Tag des alten Jahrs waren wir bei einem von Haojings Arbeitskollegen zum Mittagessen eingeladen. Es wurde eine breite Auswahl aus Gemüse, Fleisch und Meeresfrüchten aufgeboten. Selbstverständlich kam ich auch in den zweifelhaften Genuss von etwa 120 Millilitern hochprozentigem Reisschnaps.

Den Abend verbrachten Ehefrau, Schwiegermutter, Freundin und ich zu viert zu Hause. Die drei Frauen hatten natürlich einiges vorbereitet. Hierzu zählte nicht nur das üppige Essensangebot, es waren auch jede Menge Neujahrsschmuck und Feuerwerkskörper mit von der Partie. Da ich der einzige Mann vor Ort war, konnte ich mich zum Glück mit dem Alkohol zurückhalten. Ich trank lediglich etwas Whiskey, den mir mein glorreicher Bruder mal in Deutschland geschenkt hatte. Während des Abends lief eine chinesische Fernsehshow, die scheinbar immer am „Silvesterabend“ geschaut wird. Dabei wurden abwechselnd Musik, Sketche und Tänze aufgeführt.

Kurz vor Mitternacht gingen wir zu dritt raus und jagten sämtliche Feuerwerkskörper in die Luft, die wir gekauft hatten. Haojings Mutter war bereits vorher ins Bett gegangen. Am Neujahrstag blieben wir zu Hause und bedienten uns sowohl am Mittag als auch am Abend von den reichhaltigen Resten des Vortags. Am Samstag war ich schließlich das zweite Mal, seitdem ich mich wieder im Reich der Mitte befinde, mit meinen lustigen Vereinskollegen Tischtennis spielen. Wegen einer Brandschutzprüfung mussten wir auf unser altes Spiellokal ausweichen. Bei meinem ersten Training am Mittwoch zuvor war ich übrigens unheimlich schlecht.

Kein Wunder, denn ich hatte drei Monate keinen Schläger in der Hand. Am Samstag lief es wieder deutlich besser. Ich bin mir sicher, dass ich bald zu alter Stärke zurückfinden werde. Ich hatte meinen Mitspielern insgesamt sechs Tischtennisbeläge als Geschenk aus Deutschland mitgebracht, wofür sie sich enorm dankbar zeigten. Am Samstagabend luden sie mich zum Essen ein. Dort musste ich natürlich erneut ordentlich Reisschnaps bechern. Hinterher ging die Party weiter: in einer Gruppe aus elf Mann gingen wir in die Karaokebar. Zwar bin ich kein guter Sänger, aber Spaß hatte ich trotzdem. Freiheit trägt eben erheblich zum Wohlbefinden bei.

Am Sonntag bekamen wir jedoch einen negativen Aspekt der chinesischen Gesellschaft zu spüren. Abends wollten wir eigentlich ins nächste Kino fahren, doch wir bekamen eine Essenseinladung vom neuen Parteivorsitzenden, die wir nicht ablehnen konnten. Ergo verschoben wir unseren Kinobesuch um eine Woche. Glücklicherweise ist der neue Parteivorsitzende eine angenehmere Person als sein Vorgänger, der seine Position gerne dazu ausnutzte, andere mit Schnaps abzufüllen. Dennoch musste ich letztendlich eine große Menge trinken, weil einfach jeder mit mir anstoßen wollte. Mittlerweile habe ich mich wieder vollständig erholt.

Liebe Grüße,

Benjamin

Diese Freiheit habe ich echt vermisst!

Hallo,

es ist nun neun Tage her, seitdem ich die Quarantäne in Xiangshui verlassen und in unsere Wohnung in Dayouzhen zurückkehren durfte. Man kann also sagen, dass ich mich inzwischen eingelebt habe. Von echtem Alltag würde ich dennoch nicht sprechen. Als ich im Oktober nach Deutschland reiste, zog Haojings Mutter in unsere Wohnung, damit meine Frau nicht alleine war. Kurze Zeit später kam außerdem Mingmin nach Dayouzhen, um Haojing bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Sie ist Haojings Freundin aus Peking, die meine Eltern während unserer chinesischen Hochzeit betreute und mit der wir uns sowieso mehrfach im Jahr treffen.

Meine Wiederkehr verursachte gewissermaßen Platzprobleme. Aus diesem Grund schlafen meine Schwiegermutter und Mingmin mittlerweile in einer unbewohnten Wohnung, die eine Etage über uns liegt. Jedoch findet das alltägliche Leben nach wie vor hauptsächlich in unserer Wohnung statt. Es herrscht also mehr Betrieb als mir lieb ist. Hinzu kommt, dass Haojings Mutter immer wieder mit mir reden möchte. Da sie blind ist, kann sie unmöglich erkennen, in welchen Momenten das eher ungünstig oder sogar unangebracht ist. Auf diese Weise kommt es gelegentlich zu Situationen, die ich eigentlich lieber vermeiden möchte.

Immerhin funktioniert die Kommunikation zwischen uns beiden zunehmend besser. Das liegt einerseits natürlich an meinen Fortschritten im Lernen der chinesischen Sprache, andererseits hat sie vermutlich auch ein besseres Gespür für meinen deutschen Akzent entwickelt. Übung macht bekanntlich den Meister. Trotzdem hätte ich gerne ein bisschen mehr Ruhe. Wer meinen Blog aufmerksam verfolgt, weiß mit Sicherheit, dass die Chinesen aus meiner Perspektive ein unheimlich hektisches, unorganisiertes und wirres Volk sind – zumindest nach außen. Hinzu kommt, dass eine permanente, nicht enden wollende Grundlautstärke herrscht.

Das sind allerdings nur kleine Wehwehchen, die kaum der Rede wert sind. Im Verlauf der letzten Woche war ich mehrere Male spazieren und genoss die wiedergewonnene Freiheit ganz besonders. Es war echt nicht angenehm, einen ganzen Monat in Isolation zu sitzen. Überdies fühlt sich das Leben hierzulande um ein Vielfaches freier an als in Deutschland, wo mir die Corona-Beschränkungen und vor allem die Einstellung der Menschen ziemlich zugesetzt haben. Hier ist das wie weggeblasen. Man sieht zwar mitunter Menschen mit Mundnasenschutz herumlaufen, aber das ist eine Minderheit. Eine entsprechende Maskenpflicht gibt es nicht.

In der Küche haben wir ein kleines Experiment gewagt: selbstgemachte Schokolade. Hierfür haben wir 100 Gramm Kakaobutter geschmolzen, 100 Gramm Kakaopulver sowie 30 Gramm Xylit hinzugegeben. Rechnerisch komme ich auf einen Kakaoanteil von 87 Prozent, was einer kräftigen Bitterschokolade gleichkommt. Sie schmeckt auch dementsprechend. Für den ersten Versuch war das ziemlich gut. Da uns keine richtige Schokoladenform zur Verfügung stand, benutzten wir einen Teller mit Backpapier, in den wir die flüssige Schokomixtur hineingossen. Der am Ende entstandene Fladen sieht leider nicht besonders appetitlich aus.

Letzten Sonntag waren wir bei einem von Haojings Arbeitskollegen zum Abendessen eingeladen. Dort wurde sehr anständig aufgetischt. Mit dem guten Reisschnaps wurde selbstverständlich auch nicht gegeizt. Im Anschluss spielte ich noch ein Ründchen Tischtennis mit dem Vater des Kollegen, der eine alte Platte besitzt. Die Beläge waren komplett abgenutzt, weswegen echtes Tischtennis nicht möglich war. Um das Match gewinnen zu können, musste ich letzten Endes wie ein Anfänger einfach zurückspielen. Danach zeigte uns der Hausherr seine eigene Taubenzucht. Das Frühlingsfest steht vor der Tür. In diesem Jahr bleiben wir zu Hause.

Liebe Grüße,

Benjamin

Zu Hause ist es doch am schönsten!

Hallo,

wie die Überschrift des Beitrags schon vermuten lässt, befinde ich mich inzwischen tatsächlich wieder in unserer Wohnung. Ich möchte allerdings nichts überstürzen, sondern alles der Reihe nach berichten. In der zurückliegenden Woche musste Haojing von Montag bis Donnerstag beruflich verreisen. Auf dem Rückweg machte sie einen Boxenstopp beim Metro in Nanjing, um Lebensmittel zu besorgen, die man sonst nicht so einfach in China bekommt. Natürlich erwähnte sie es mir gegenüber nicht. Am Abend war ich schließlich baff, als es an meine Hotelzimmertür klopfte und mir das Quarantäne-Personal eine große Einkaufstüte vorbeibrachte.

Meine hinreißende Frau hatte mir nicht nur heimlich westliche Lebensmittel gekauft, sondern auch organisiert, dass diese mir noch am Abend desselben Tags vorbeigebracht wurden. Im Lunchpaket befanden sich unter anderem Beeren, Joghurt, Käse, Nüsse oder Proteinriegel. Obendrein verschaffte sie mir einen großen Behälter Wasser, den ich prima zum Befüllen der Kaffeemaschine verwenden konnte. Alles in allem hatte ich nun mehr als genügend Lebensmittel, um nur mit geringen Mengen des ekelerregenden Hotelessens auszukommen. Ich Intelligenzbestie fand sogar eine clevere Möglichkeit, die leicht verderblichen Lebensmittel zu kühlen.

Am Montag wurden mir Blut für einen IgM-Antikörpertest abgenommen sowie ein Rachenabstrich für einen PCR-Test durchgeführt. Als ich die negativen Testergebnisse hatte, durfte ich die Einrichtung verlassen. Man wollte mich eigentlich um 17 Uhr rauswerfen, doch Haojing konnte mich erst um 20 Uhr abholen. Zum Glück vermochte ich das dem Personal verständlich zu machen. Und dann war es endlich soweit: Ich verließ das Hotel und traf auf meine Frau. Haojing war alleine mit dem Auto gekommen und wartete bereits auf mich, als ich hinauskam. Wie sicherlich jeder nachvollziehen kann, war das für uns beide ein besonders schöner Moment.

Da wir uns in Xiangshui aufhielten und der Abend noch jung war, entschieden wir uns dafür, in einem bekannten Barbecue-Restaurant zu dinieren, das ganz in der Nähe war. Beim Betreten des Eingangsbereichs fiel mir auf, dass ich der einzige Affe war, der einen Mundschutz trug. Die letzten drei Monate hinterließen offenbar merkliche Spuren, denn am Anfang fühlte es sich irgendwie falsch an, die Maske auszuziehen. Das änderte sich jedoch nach kurzer Zeit. Das Prozedere im Restaurant war mehr als typisch für China. Zunächst wählten wir unser Essen aus, das ungekühlt in vitrinenartigen Schränken aufbewahrt wurde, und legten es in einen Korb.

Diesen gaben wir im Anschluss an die Küche zum Grillen ab. Erst danach suchten wir uns einen Sitzplatz. Zu meinem Überraschen schenkte der Laden gezapftes, kaltes Bier in echten Biergläsern aus. Dabei hatte man die Wahl zwischen einer deutschen und einer belgischen Sorte. Geschmacklich handelte es sich bei ersterer um ein Weizenbier. Wenig später kam unser Barbecue und wir schlugen uns die Bäuche so richtig voll. Während meiner Isolation hatte ich schon ganz vergessen, wie sich das anfühlt. Danach fuhren wir nach Hause. Es dauerte etwa 40 Minuten, bis wir ankamen. Dort begrüßte mich meine Schwiegermutter mit einem Glas Whiskey.

In unserer Wohnung hat sich einiges getan – zumindest fühlt es sich für mich so an. Möbelstücke stehen teilweise woanders, generell ist viel mehr Zeug vorhanden. Doch das ist nur logisch, da meine Schwiegermutter seit Mitte Oktober hier lebt und Haojings Freundin Mingmin ebenfalls viele Stunden am Tag vor Ort ist. Die beiden sind jetzt in die Wohnung obendrüber gezogen. Haojing hatte weitere Überraschungen für mich parat: Dragonball-Tasse und Dragonball-Teppich. Das stimmte mich äußerst glücklich. Insgesamt benötigte ich einen ganzen Monat sowie acht negative Virustestergebnisse, um endlich wieder zu Hause sein zu können.

Liebe Grüße,

Benjamin

Noch eine Woche durchhalten!

Hallo,

inzwischen sind tatsächlich drei der vier Wochen vergangen, in denen ich mich in Isolation in einem Hotelzimmer befinde. Für mich fühlt sich das ausgesprochen positiv an. Gerade die ersten Tage nach meiner Ankunft fielen mir schwer. Ich wusste genau, dass ein langer, dunkler Januar auf mich zukommen würde. Diese mentale Last hat sich nicht nur in Luft aufgelöst, sondern ist sogar regelrecht in Motivation übergegangen. In nicht einmal einer Woche wird mich Haojing abholen und wir werden direkt in ein Restaurant gehen, um uns den Bauch vollzuschlagen. Darüber hinaus werde ich jeden Tag Tischtennis spielen können.

Das sind alles Dinge, die meine Laune extrem positiv beeinflussen und mich sogar in leichte Euphorie verfallen lassen. Trotzdem möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich sehr unter der Quarantäne gelitten hätte. Ich denke von mir selbst, dass ich gut mit Einsamkeit zurechtkomme. Einsperren lasse ich mich selbstverständlich nicht gerne, doch in letzter Instanz war das Martyrium meine eigene Entscheidung. An dieser Stelle ist „Martyrium“ ein bewusst überspitzter Begriff, denn es gibt natürlich deutlich Schlimmeres. Nichtsdestotrotz muss ich nur noch sechs Übernachtungen durchhalten, dann darf ich endlich nach Hause.

Während der zurückliegenden Tage habe ich weniger Serien geschaut als zu Beginn meiner Isolation. Das liegt einerseits wohl daran, dass ich den Fernseher in diesem Hotelzimmer nicht an meinen Laptop anschließen kann. Auf dem Laptop Serien zu schauen ist weniger bequem. Andererseits habe ich schlicht und ergreifend enorm viel Serien konsumiert, weswegen da irgendwie (vorerst) die Luft raus ist. Vielleicht ändert sich dieser Umstand in absehbarer Zeit nochmal, vielleicht nicht. Da ich trotzdem gerne Hintergrundbeschallung habe, lasse ich den lieben langen Tag Youtube-Videos laufen, die ich mir vorher via Handy herunterlade.

Youtube sowie die meisten anderen Google-Dienste sind in China nicht erreichbar, weswegen man mittels VPN einen anderen Standort (z.B. Hongkong) simulieren muss. Auf meinem Arbeits-Laptop verfüge ich nicht über Administratorrechte, ich kann also kein VPN installieren. Deshalb kann ich nur über mein Handy auf Youtube zugreifen. Jedoch gibt es keine Garantie, dass die Übertragungsgeschwindigkeit für eine flüssige Wiedergabe ausreicht. Aus diesem Grund lade ich die Videos im Vorfeld herunter. Mit einem Handy ist das gar nicht mal so einfach, aber nach ein wenig Recherche findet man selbstredend genügend Lösungen.

Das Hotelzimmer in Xiangshui unterscheidet sich in einige Punkten maßgeblich von dem in Nanjing. Die Zimmertür ist abgeschlossen und ich habe keine Möglichkeit, die Tür zu öffnen. Im Notfall bringt mir der tolle Fluchtplan also nichts. Da ich mich zudem im fünften (statt im zweiten) Stockwerk befinde, ist der Ausstieg aus dem Fenster keine echte Alternative. Immerhin ist der Ausblick bedeutend schöner als im anderen Hotel. Normalerweise gibt es drei Mahlzeiten am Tag, aber das Frühstück habe ich erneut abbestellt. Das ist mir überhaupt nicht schwergefallen, denn das Essen hier ist wirklich unheimlich schlecht.

Es ist bei Ausgabe fast schon vollständig ausgekühlt und auch generell von billigster Qualität. Immerhin stehen mir ein paar Snacks zur Verfügung, die mir meine tolle Frau besorgt hat. Ich kann es kaum erwarten, bald wieder Haojings erstklassige Kochkünste genießen zu können. Wegen der Snacks kommen auch wieder mehr Kalorien rein. Zwar bin ich nach wie vor im Energiedefizit, doch verfüge ich wieder über deutlich mehr Kraft. Das bemerke ich vor allem anhand meiner Liegestütze. In Nanjing hatte meine Leistung kontinuierlich nachgelassen und hier bewege ich mich schlagartig wieder auf meinem alten Niveau.

Liebe Grüße,

Benjamin

Es ist Halbzeit!

Hallo,

in meinem letzten Beitrag schrieb ich noch, dass eine zweite Quarantäne zwar sehr wahrscheinlich, aber nicht absolut sicher wäre. Nur wenige Tage später bekam ich schließlich Gewissheit. Nach Ablauf meiner ersten Isolation in Nanjing habe ich ein weiteres Mal das zweifelhafte Vergnügen. Wie der Titel bereits vermuten lässt, habe ich inzwischen Hotel und Ort gewechselt. Nun befinde ich mich in Xiangshui – imselben Hotel, das für Haojing und mich nach unserer Rückkehr aus Chibi im letzten April erste Anlaufstelle war. Mit einem Krankenwagen wurde ich in die vier Stunden entfernte Kreishauptstadt gefahren – und zwar in nur dreieinhalb Stunden.

Zunächst möchte ich (abermals) erwähnen, dass mir im Vorfeld vollkommen bewusst war, dass die Wiedereinreise in China mit derlei Schwierigkeiten verbunden sein würde. Deshalb möchte ich mich eigentlich nicht beschweren. Die strengen Regularien kann ich nach wie vor größtenteils nachvollziehen. In zwei Wochen darf ich endlich nach Hause und kann mich an Kinofilmen, Restaurants und Vereinssport erfreuen. Mit Abstand am meisten freue ich mich jedoch darüber, dass ich meine fantastische Frau endlich wieder in die Arme nehmen kann. Wir haben uns zwar gestern Abend kurz gesehen, doch wir mussten einen Sicherheitsabstand einhalten.

Am Sonntag wurde mir mitgeteilt, dass ich das Hotel am Montagabend gegen 20 Uhr verlassen sollte. Ursprünglich ging ich von einem Transfer am Dienstagmorgen aus. Die Chinesen handhabten die Sache überaus exakt, denn vor zwei Wochen bin ich ungefähr zurselben Uhrzeit angekommen. Meine montägliche Arbeit musste ich leider eine halbe Stunde zu früh beenden, wofür glücklicherweise Verständnis aufgebracht wurde. In Windeseile packte ich meine sieben Sachen und machte mich auf den Weg an die frische Luft. Dort bekam ich noch eine Art Quarantänebescheinigung ausgestellt. Nach einem kurzen Fußmarsch sah ich endlich Haojing.

Sie war gemeinsam mit einem Mitarbeiter der Huanghai-Farm nach Nanjing gefahren, um den Transfer offiziell zu überwachen. Beide warteten bei der Hotelausfahrt auf mich. Ein Krankenwagen war ebenfalls vor Ort. Nach einer recht zurückhaltenden Begrüßung tauschten wir untereinander Gepäck aus. Ich bekam zwei leichte Kartons mit nützlichen Utensilien, unter anderem Kaffeemaschine, Kaffeefilter und Kaffeetasse. Im Gegenzug nahm Haojing die beiden großen Gepäckkoffer sowie einen Rucksack mit Wäsche und anderen Dingen, die ich während meiner Isolation nicht benötige. Darüber hinaus hat sie meinen Reisepass eingesackt.

Da meine Aufenthaltserlaubnis am 27. Januar ablaufen wird und ich nicht vor Ende der Quarantäne zur Ausländerbehörde darf, muss Haojing schnellstmöglich alleine tätig werden. Unglücklicherweise durften wir nicht imselben Auto nach Xiangshui fahren. Für mich war der Krankenwagen vorgesehen. Selbstverständlich haben wir uns noch heimlich umarmt, bevor wir uns wieder trennten. Als es schließlich losging, freute ich mich auf die warmen Leckereien, womit mich meine Frau überrascht hatte. Das Essen entpuppte sich jedoch als wahre Herausforderung, weil der Fahrer allem Anschein nach seinen Beruf verfehlt hat.

Dieser schaltete sofort Blaulicht und Sirene ein und raste los wie bekloppt. Es war regelrecht beängstigend. Das Gepäck flog in alle Richtungen. Man merkte dem Kerl an, dass er überhaupt keinen Bock auf den Transport hatte. Letzten Endes kamen wir eine halbe Stunde früher als erwartet in Xiangshui an. Ich wurde sofort in mein Zimmer gebracht. Es ist größer als mein altes, jedoch schlechter ausgestattet. Das Hotel wirkt generell weniger vorbereitet als das in Nanjing und auch etwas heruntergekommen. Mehr Details kann ich allerdings erst in ein paar Tagen liefern, da ich hier bislang nur eine kurze Nacht verbracht habe.

Liebe Grüße,

Benjamin

Mir steht ein asketischer Januar bevor!

Hallo,

inzwischen befinde ich mich bereits seit neun Tagen im Hotelzimmer, in dem ich meine strenge Quarantäne absitze. Noch bis kommenden Dienstag muss ich durchhalten. In Anbetracht der angenehmen Situation, dass es in China kaum Covid-19-Fälle gibt, ist diese Maßnahme für mich nachvollziehbar. Immerhin reise ich als Außenstehender aus einem Hochrisikogebiet ein. Sobald ich mich wieder frei bewegen darf, wird Haojing mit dem Auto nach Nanjing fahren, das etwa vier Stunden von unserem Heimatort entfernt liegt, und mich hier abholen. Zu diesem Zeitpunkt wird mein Visum nur noch für gut eine Woche gültig sein.

Deshalb wird die Ausländerbehörde in Xiangshui zu unserer ersten Anlaufstelle nach Abschluss meiner Quarantäne. Da wir bereits die benötigten Papiere zusammenhaben, sollte die Verlängerung meines Aufenthaltstitels eigentlich reine Formsache sein. Ein bisschen nervös bin ich trotzdem, denn bei Behördenkram kann theoreitsch immer etwas schiefgehen. Obwohl ich mich nach den ersten zwei Isolationswochen frei in der Volksrepublik bewegen darf, werde ich voraussichtlich noch nicht in unsere Wohnung gelassen. Imselben Gebäude leben einige hochrangige Mitarbeiter der Huanghai-Farm, die panische Angst vor einer Virus-Einschleppung haben.

Aus diesem Grund werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut eine zweiwöchige Quarantäne absolvieren müssen, allerdings nicht staatlich angeordnet. Hierfür ist der Arbeitgeber meiner Frau verantwortlich, dem die Wohnung gehört. In den sauren Apfel werde ich wohl hineinbeißen müssen. Dass ich nicht sonderlich glücklich über diese völlig überzogene Maßnahme bin, muss ich wohl nicht detaillierter ausführen. Jedoch ist das Vergnügen noch nicht in Stein gemeißelt, denn die Entscheidung der hiesigen Verantwortlichen steht noch aus. Nichtsdestotrotz werde ich Haojing nächste Woche nach über drei Monaten endlich wieder sehen.

Bislang kann ich den Verlauf meiner Quarantäne weder positiv noch negativ bewerten. Auf der Habenseite steht, dass ich ganz gut mit der Isolation klarkomme. Ich langweile mich wenig, habe alles im Griff. Demgegenüber setzt mir der Jetlag sehr zu. Die ersten Tage konnte ich nachts schlafen, war aber tagsüber extrem müde. Seit Freitag ist es umgekehrt. Momentan schlafe ich nicht vor Sonnenaufgang ein. Ich vermute, dass der ununterbrochene Aufenthalt im Hotelzimmer die Phase der Zeitumstellung, die von West nach Ost sowieso unangenehmer ist, nochmals verschlimmert. Irgendwann wird das aber auch bewältigt sein.

Normalerweise werden drei Mahlzeiten pro Tag ins Zimmer gebracht. Das Frühstück habe ich jedoch abbestellt, weswegen ich täglich nur zweimal esse. Darüber hinaus lasse ich stets die kohlenhydratreiche Sättigungsbeilage weg, da ich meinen (ketogenen) Stoffwechsel nicht unnötig durcheinander bringen möchte. Überdies habe ich noch ein paar Proteinriegel aus Deutschland mitgebracht, die während des Flugs zwar sichtlich beschädigt wurden, aber dadurch nicht weniger lecker schmecken. Dennoch kommen am Ende nicht besonders viele Kalorien zusammen, weswegen ich wohl das ein oder andere Kilogramm verlieren werde.

Für mich ist das allerdings eher Segen als Fluch, denn die füllende Weihnachtszeit ist gerade erst vorbei. Da ich mir aus Sicherheitsgründen keinen frischen Kaffee bestellen darf, hat mir Haojing Instant-Kaffeepulver zukommen lassen. Schlechter Kaffee ist besser als kein Kaffee. Mit Wäschewaschen im Waschbecken sammelte ich bereits während der letzten Quarantäne im April meine Erfahrungen. Ich finde, das mache ich gut. Die Aussicht aus meinem Zimmer ist nicht gerade ideal, da sich dort nur ein relativ dunkler Innenhof befindet. In meiner freien Zeit schaue ich mir Serien an, die ich mir in Deutschland heruntergeladen habe.

Liebe Grüße,

Benjamin